SWR4 Abendgedanken

02MRZ2026
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„Kannst du mitkommen, wenn ich mir das Pflegeheim für meinen Mann anschaue?“ Aus der Art, wie meine Freundin mich das fragt, kann ich schon hören, wie schwer ihr dieser Gang fällt. Ihr Mann ist demenzkrank, und sie pflegt ihn seit Jahren. Nun ist sie selbst am Ende mit ihrer Kraft. Und sie denkt darüber nach, einen Pflegeplatz für ihren Mann zu suchen. Ein Gedanke, der, wie ich finde, in ihrem Fall schon lange fällig ist. Aber sie schiebt das schon eine Zeitlang vor sich her, und das Herz ist ihr schwer.

Bei einer solchen Entscheidung gibt es kein richtig oder falsch – nur Liebe, die spürt: Ich kann es nicht mehr allein.

Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Dieser Satz gilt besonders denen, die sich aufopfern, bis sie selbst kaum noch Kraft haben. Gott sieht die Erschöpfung. Er sieht die Tränen, die man heimlich wegwischt. Er sieht die Angst, den Partner „abzugeben“. Und er sieht auch die Sehnsucht nach Entlastung.

Vielleicht darf meine Freundin jetzt einen neuen Gedanken zulassen:
Dass ein Heim nicht das Ende der Liebe ist, sondern eine neue Form davon.
Dass sie weiterhin an seiner Seite bleibt – nur nicht mehr allein verantwortlich.
Dass professionelle Pflege nicht bedeutet, weniger da zu sein, sondern besser da sein zu können.

Manchmal ist Loslassen kein Aufgeben.
Manchmal ist Loslassen ein Halten – nur anders.
Ein Halten mit mehr Händen. Mit mehr Kraft. Mit mehr Frieden.

Bevor ich mit meiner Freundin das Pflegeheim aufsuche, bete ich für sie und für alle, denen es ähnlich geht:
Gott, begleite alle, die schwere Entscheidungen treffen müssen.
Schenke ihnen Mut, ihre Grenzen zu erkennen.
Schenke ihnen Vertrauen, dass Liebe viele Wege kennt.
Und schenke ihnen Frieden, wenn sie loslassen müssen, um weiter halten zu können. Amen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43969
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