SWR4 Sonntagsgedanken

01MRZ2026
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Für alle, die gerne wandern gehen, habe ich heute einen Tipp: den Wildewasserweg im Stubaital in Österreich. Ein Tipp, bei dem es mir nicht nur ums Wandern geht.


Meine Frau und ich sind unterwegs immer wieder mitten auf dem Wanderweg stehen geblieben – ganz fasziniert von den vielen Wasserfällen, an denen man hier vorbeikommt: Wie in großer Höhe Wasser scheinbar einfach aus dem Stein bricht; das ist echt beeindruckend. Noch viel bemerkenswerter aber fanden wir die kleinen Bächlein, die den Wanderweg kreuzen; plötzlich auftauchen und wieder versickern und an deren Rand auch in großer Höhe kleines Grün wächst. Aber – ich will auch nicht übertrieben romantisch sein – am Ende der Etappe haben wir uns auch einfach auf das gute Essen in der Hütte gefreut.


Jetzt im Blick zurück, merke ich erst: die Wasserfälle und vor allem die kleinen Bächlein haben sich in meiner Erinnerung verändert. Ich sehe das schöne Naturschauspiel vor mir, und gleichzeitig fangen die Bilder an, sich in meinem Kopf mit altvertrauten Gedanken zu verbinden. Und mit alten Texten aus der Bibel. Zum Beispiel in einem Satz, der lautet: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen.“ (Röm 5,5) Dieser Satz ist mir immer ein wenig blass erschienen. Liebe wie Wasser aus einer Wasserflasche in ein Glas ausgießen? Das ist doch irgendwie ein langweiliges Bild.


Seit der Wanderung in Tirol aber ist dieser Satz für mich sehr kraftvoll geworden. Zum einen, weil so ein Wasserfall mit einer schier unbändigen Kraft den Felsen hinabschießt. So intensiv von Liebe ergriffen zu sein, genauso kraftvoll: Da reißt mich der Wasserstrom mit, dass ich mich meinem Mitmenschen zuwende; ein Ehrenamt übernehme; einen Menschen pflege – das fühlt sich bestimmt an, wie ein großer Liebeswasserfall im Herzen.


Zum anderen, weil die Bächlein einen stetigen Weg durch die karge Felslandschaft nehmen. Man weiß nicht so recht, wo sie überhaupt herkommen, aber an ihren Rändern wachsen überall ein paar Pflanzen, die das Felsgrau aufbrechen. Das hat doch auch mit Liebe zu tun: in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben, zu zeigen: hier ist Leben.
So kann ich mit dem Satz „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen“ etwas anfangen. Gottes Liebe als riesiger Wasserfall oder als stetig fließendes Bächlein. Im Grunde hat mir Gott in Tirol eine Predigt auf den Wanderweg geschrieben.
Ich habe vor vier Wochen Kontakt mit einem alten Freund gehabt. Als Kind katholischer Eltern war er lange Teil seiner Ortsgemeinde. Man wird im besten Sinn sagen können: Er war ein typischer, ganz normaler Ehrenamtlicher in der Kirche, der den Laden am Laufen und lebendig hält. Aber klar: Das Engagement hat er mehr von seiner Mutter „geerbt“ als dass er es aus eigenem Antrieb gestartet hätte.
Später hat er natürlich kirchlich geheiratet. Und natürlich hat er mich damals gefragt, ob ich nicht mitmachen könne. Wir würden uns doch lange kennen und ökumenisch fände er schön. Und natürlich habe ich ja gesagt. Obwohl ich damals schon kein gutes Gefühl gehabt hatte – es ist vielleicht anmaßend, aber ich war mir nicht sicher, ob die beiden richtig zusammenpassen würden.


Wie dem auch sei: Nach zwei Kindern und einem Hausbau ging die Ehe in die Brüche. Und mein Freund hat sich danach voller Frust von allen Gemeinschaften zurückgezogen. Keine Hobbys mehr, keine Kirchengemeinde, nur noch Arbeit. Er wurde zu dem grauen Felsen, von dem ich erzählt habe und den ich von der Wanderung in Tirol vor Augen hatte. Mit seinen zwei Kindern hat er manchmal noch etwas unternommen. Aber sonst war nichts Grünes mehr an ihm.
Vor ein paar Monaten habe ich ihn auf einem Polterabend eines gemeinsamen Bekannten getroffen. Er hat wieder geheiratet, ist noch einmal Vater geworden und ich habe ihm angesehen: er grünt und blüht wieder richtig auf. Vor vier Wochen hat mein Freund dann bei mir angerufen: Wir hätten uns doch auf dem Polterabend so nett unterhalten und meine Frau lässt fragen, ob ich die beiden trauen würde. „Aber“, hat er sicherheitshalber lachend hinterhergeschickt, „falls Du wieder ein schlechtes Gefühl hast, sag es mir gleich!“
Habe ich aber nicht. Im Sommer werden beide evangelisch heiraten. Mein Freund sagte noch: Ich war ja skeptisch, aber jetzt so, das dritte Kind getauft, die Hochzeit in Aussicht, da merkt man: Es ist schon gut, dass es so eine Gemeinschaft gibt, zu der man zurückkommen kann. Vor zwei Wochen habe ich zufällig seine Exfrau getroffen. Sie ist glücklich verheiratet. Die beiden Kinder sind abwechselnd bei den Eltern. Und sie sagt: Sie ist dankbar.


Für mich ist das eine totale Geschichte von den Gebirgsbächlein, die einfach da sind, und man weiß nicht woher. Die treu ihren Weg durchs Gestein nehmen und dafür sorgen, dass an unerwarteter Stelle wieder etwas grünen und blühen kann. Dass zwei Menschen an ihrer ersten Ehe gescheitert sind, ist trotzdem bitter. Aber fort waren die Bächlein und Wasserfälle der Liebe nicht. Sie haben sich ihren Weg gebahnt. Mein Freund ist kein grauer Fels geblieben, sondern blüht wieder. Ich freue mich sehr, sehr für ihn. Und ich freue mich auf die Trauung im Sommer.
Ich sag mal: Vielen Dank, lieber Gott, für Deine Predigt auf dem Wanderweg. So kann ich mit den Versen über Deine Liebe, die in uns ausgegossen ist, wirklich was anfangen.


Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43968
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