Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Vor wenigen Wochen ist ein guter Freund von mir verstorben. Wir haben uns während des Studiums kennengelernt. Er war viel älter als ich, hatte als Lehrer gearbeitet und wollte in seinem Ruhestand nochmal an die Uni.
Er war großgewachsen, gut gekleidet, sehr höflich, immer freundlich, auch streng, wenn es sein musste. Bei unserer ersten Begegnung kam er auf mich zu, begrüßte mich, reichte mir die Hand und wünschte mir guten Mut für mein Studium. Einfach so. Ich war zunächst ziemlich skeptisch. Was wollte dieser adrett gekleidete ältere Herr von mir? Es kommt doch nicht ohne Grund jemand auf mich zu und wünscht mir guten Mut.
Doch mit der Zeit habe ich diesen klugen Menschen besser kennengelernt. Und allmählich verstand ich, dass seine Offenheit, seine Fürsorge und Güte echt waren. Wenn ich Hilfe brauchte, war er da, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Auch für andere Studenten setzte er sich ein und unterstützte sie, wo er konnte. Am meisten beeindruckte mich seine Gabe, zuzuhören, wirklich zuzuhören, aufmerksam für das, was man sagte. Und er hatte immer Zeit. Bis kurz vor seinem Tod telefonierten wir regelmäßig.
Auf seiner Trauerfeier waren viele Menschen, die offenbar ähnlich empfanden wie ich. Hier war ein großer Mensch gestorben – das haben alle gespürt. Ein Mensch, der praktisch versucht hat, seinen Glauben an Gott und an die Mitmenschen bis zuletzt zu leben.
Ich bin sehr dankbar, ihn gekannt zu haben. Und ich wünsche mir so sehr, dass es da draußen viele solcher Menschen gibt. Denn durch sie bleibt die Hoffnung auf Mitmenschlichkeit in der Welt und der Glaube an einen liebenden Gott.
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