Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Seit einiger Zeit lerne ich Französisch. Ich möchte das endlich nachholen. Dazu habe ich mich bei einer Onlineplattform für Sprachkurse angemeldet. Seit fast einem halben Jahr treffe ich mich nun regelmäßig mit meinem Lehrer aus Frankreich. Wir üben viel. Aber wir unterhalten uns vor allem über alles Mögliche. Wir sprechen über gutes Essen, über Urlaube und über Politik. Mein Lehrer ist mit einer Frau aus China verheiratet und schwärmt von chinesischem Essen und chinesischer Gastfreundschaft. Und ich erzähle von deutschen Dialekten und meiner Heimat im Schwarzwald.
Irgendwie kamen wir letzte Woche auf das Thema Glauben zu sprechen. Plötzlich haben wir gemerkt, wie sich die Atmosphäre zwischen uns verändert hat. Ich hab mich gefragt: Wird das jetzt gleich ein Super-Gau, wenn ich ihm sage, dass ich Christ bin? Wird er mich auslachen? Ich musste meinen Mut zusammennehmen, als ich gesagt habe: ich bin katholischer Christ. Völlig unerwartet antwortete er ganz offen: ich bin auch Christ, Johannes. Ich bin Protestant.
Im Nachhinein frage ich mich, warum wir nicht schon viel früher den Mut hatten, über unsere Religion zu sprechen. Denn das Gespräch hat gutgetan. Vielleicht wollten wir eine unangenehme Diskussion vermeiden. Oder war uns der Glaube einfach zu intim?
Für mich war es wichtig, dass ich mich geöffnet habe. Auch wenn ich hätte verletzt werden können. Wir haben so eine Seite an uns kennengelernt, die beiden sehr wichtig ist. Dass wir uns an das heikle Thema Religion gewagt haben, war ein echter Gewinn. Und für unsere weiteren Treffen eine gute Vertrauensbasis.
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