SWR3 Gedanken

10MRZ2026
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„Übernächstenliebe“ – dieses Wort hab ich schon länger im Kopf, aber jetzt erst hab ich wirklich begriffen, wie diese Liebe konkret aussehen kann, die weitergeht als nur zum Nächsten neben mir. Wegen Bruno, Hilde und Freddy. Das sind drei Menschen aus meinem Dorf.

Bruno ist extrem rege in Sachen Ortsgeschichte. Er hat mich regelrecht bearbeitet, dass ich Klassenfotos von meinen Töchtern fürs Dorfarchiv rausrücke. Datenschutzmäßig musste erst alles geklärt sein, aber dann hat sich Bruno gefreut und gemeint: „Siehst du, so können die Leute in hundert Jahren nachschauen, wer mal hier gelebt hat. Das ist doch was!“

Und Hilde macht sich in Sachen „Übernächstenliebe“ schon mal bei ihren jungen Vereinskolleginnen unbeliebt. Wenn die überlegen, ob sie fürs nächste Vereinsfest massenweise Deko-Material bei so einem Billigversandhändler aus dem Internet bestellen. Da kontert Hilde: „Ihr wisst aber schon, was das für Verbrecherfirmen sind!“ Massenweise Billig-Päckchen aus China, das geht für Hilde gar nicht. Weil sie eben immer auch an ihre Enkel und Ur-Enkel denkt.

Und dann ist da noch Freddy, der als frischgebackener Förster-Meister leidenschaftlich gerne Bäume pflanzt. Letzten Herbst hat er bei uns im Garten drei neue Bäume gesetzt und mich danach glücklich angestrahlt und gemeint: „Jeden Tag eine gute Tat! Diese Bäume tun der Erde gut.“ Und jetzt will er mich davon überzeugen, dass in der anderen Ecke von unserem Garten, doch auch noch Platz für ein, zwei Kirsch- oder Apfelbäume ist.

Wie gut, dass die drei so unermüdlich sind: Bruno, Hilde und Freddy.

Denn jedes sorgfältig archivierte Foto, jedes nicht bestellte Päckchen aus China und jeder gepflanzte Baum ist auch ein Stück Übernächstenliebe - ein Stück Liebe zur nächsten und übernächsten Generation.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43950
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