SWR Kultur Wort zum Tag
„Die Wege Gottes sind wie ein hebräisches Buch, das man nur von hinten lesen kann.“ Der Satz wird Martin Luther zugeschrieben.
Er greift ein simples Bild auf: Hebräisch liest man von rechts nach links; was für uns im Deutschen „vorn“ ist, liegt dort „hinten“. Übertragen heißt das: Gottes Handeln erschließt sich selten im Augenblick. Oft verstehen wir erst im Rückblick, was uns getragen, bewahrt oder auch zurechtgerückt hat.
Vorwärts gehe ich meinen Weg oft wie im Nebel. Ich sehe den nächsten Schritt, vielleicht die nächste Kurve – aber nicht die Landschaft dahinter. Rückwärts, im Erinnern, lichtet sich manchmal der Nebel. Dann merke ich: Da war mehr Sinn, mehr Führung, mehr Geduld, als ich damals zu hoffen wagte. So geht es mir auch, wenn ich ein Buch am Schluss zuschlage und plötzlich verstehe, warum die Kapitel davor so spannend, so schmerzhaft, so widersprüchlich gewesen sind.
Ein Freund von mir hat das in drastischer Weise erfahren, als er unerwartet seine Arbeitsstelle als Manager verloren hat. Das war richtig schlimm für ihn. Monate später hat er mir dann erzählt: „Gerade diese Krise hat mich gezwungen, neu zu fragen: Wofür brenne ich? Was ist mir wirklich wichtig?“ Und aus der Not wurde für ihn ein neuer Beruf, ja sogar eine Berufung. Er ist Einrichtungsleiter in einem Sozialunternehmen geworden – nicht, weil die Kündigung „gut“ gewesen wäre, sondern weil Gott in der Bruchstelle Raum geschaffen hat: für Mut, für einen neuen Weg, den er ohne diese Krise wohl nie betreten hätte.
Was hilft im Heute, wenn ich noch „vorwärts“ lesen muss? Mir hilft es, mir abends Zeit zu nehmen und zu fragen: Wo hat Gott mich heute gehalten? In einem Wort, das mich aufgerichtet hat. In einem Menschen, der da war. In einer Gefahr. Und dann sage ich danke. Und übe so, die Handschrift Gottes zu erkennen – nicht als Beweis, sondern als Spur in meinen Tagen.
Darum liegt in Luthers Satz Hoffnung: Mein Leben ist nicht ein wirres Durcheinander, das ich allein zusammensetzen muss. Gott schreibt eine Geschichte, die ich heute nur stückweise entziffern kann. Diese Gewissheit gibt mir Glaubenskraft für die Höhen – dankbar zu erkennen, wer da schenkt. Und für die Tiefen – auszuhalten, was ich noch nicht verstehe, im Vertrauen: Es wird einmal lesbar werden. Vielleicht nicht alles. Aber genug, um sagen zu können: Ich war gehalten.
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