Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wir leben in einer Zeit, in der vieles perfekt sein soll.
Der Lebenslauf. Der Körper. Die richtige Antwort – am besten sofort.
Und doch wissen wir: Das Leben ist selten perfekt. Es ist brüchig. Und wir sind es auch. Die jüdische Tradition geht damit überraschend nüchtern um. Die Tora rechnet nicht mit fehlerlosen Menschen. Sie geht davon aus, dass Menschen sich irren, scheitern, falsche Entscheidungen treffen – nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Menschseins.
Die Tora weiß: Nicht jeder Fehler ist böser Wille. Oft ist er Überforderung, Unachtsamkeit oder schlicht menschliche Begrenzung. Entscheidend ist nicht, ob wir Fehler machen. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir sie verdrängen, anderen zuschieben – oder Verantwortung übernehmen.
Im Judentum heißt dieser Weg Teschuwa, Umkehr. Kein dramatischer Akt, sondern ein stiller Prozess. Er beginnt mit dem Eingeständnis: Ich bin nicht vollkommen. Und ich muss es auch nicht sein. Aber ich bin verantwortlich für mein Handeln. Erst dort, wo der Mensch seine Unvollkommenheit annimmt, wird er offen – für Veränderung und für Mitgefühl.
Wir müssen nicht perfekt sein. Aber wir können ehrlich sein. Lernbereit. Und menschlich. Vielleicht beginnt genau dort ein guter Tag.
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