Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07MRZ2026
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Von November bis März ist Jonas mit seinen Schafen unterwegs. Von der Schwäbischen Alb zieht er runter ins Donautal und weiter bis nach Oberschwaben. Denn auf der Alb ist‘s für seine Tiere im Winter einfach zu nass und zu kalt. Was er als Wanderschäfer auf seiner Tour erlebt, davon erzählt er in einem besonderen Podcast.

„Archiv der Straße – Berichte von draußen“ heißt die Podcast-Reihe und ich habe die Geschichten da mit viel Neugier und mit sehr viel Respekt gehört. Es geht um Menschen, die kein „normales“, bürgerliches Zuhause kennen wie ich und wahrscheinlich viele von ihnen. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen immer wieder auch draußen zuhause sind. Da erzählen zum Beispiel die Sinti Mano und Peter aus ihrem Leben mit dem Wohnwagen. Oder Maryam, eine junge Frau, die viele Jahre auf der Flucht vor den Taliban war; sie ist immer da zuhause, wo ihre Familie ist, egal in welchem Land. Und Angie. Sie gehört seit 30 Jahren zur Stuttgarter Junkie-Szene und tagsüber sind die Leute und das Leben unter einer Brücke ihr Zuhause.

Für mich sind ihre Stimmen wichtig und wertvoll. Weil ich Angie, Maryam und den anderen wahrscheinlich nie begegnen würde. Ihre Geschichten öffnen mir eine ganz neue Lebenswelt. Manchmal erschrecke ich darüber, was sie erleben, manchmal bin ich fasziniert, wie sie denken und auf das Leben schauen. 

Die Frage: Wie kommt man da draußen klar? Die habe ich mir nie gestellt. Aber genau dieser Blick raus aus meinem warmen Wohnzimmer, der ist wichtig. Weil er mich davor bewahrt, Menschen leichtfertig in eine Schublade zu stecken.

Jonas, der Schäfer, sagt: „Es ist hart da draußen. Man ist viel allein. Und ich habe ne riesen Verantwortung.“ In der Tat, er ist gerade mal 35 und ist mit mehreren Hundert Schafen unterwegs. Es geht immer um Leben und Tod, sagt er ganz unaufgeregt, da reicht ne kalte Nacht und ein Lamm kann sterben. Und wenn eines am Abend fehlt, dann geht er suchen, manchmal viele Stunden lang, bis er es gefunden hat.

Mit Jonas habe ich mich verabredet; für November, wenn er wieder zur nächsten Wintertour über die Alb aufbricht. Ich möchte eine Weile mitlaufen, um wenigstens eine Ahnung davon zu bekommen, wie es ist, da draußen zuhause zu sein.

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