Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06MRZ2026
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Er hat einfach nicht mitgemacht! Ich erzähle die Geschichte von Konrad Zäh. Er war in den 1930er Jahren der Postmeister von Wendlingen am Neckar. Und bei dem, was die Nationalsozialisten von ihm verlangt haben, hat er einfach nicht mitgemacht: Er hat den Hitlergruß verweigert. Seine Kinder nicht zur „Staatsjugend“ geschickt, seine Frau nicht zum „Deutschen Frauenwerk“. In einem Protokoll über ihn ist festgehalten, was er gesagt hat: „Die Weltanschauung des Nationalsozialismus lehne ich ab. Lieber lasse ich mich an die Wand stellen.“ 

Konrad Zäh war ein engagierter Katholik. Er hat beim Aufbau des Gemeindehauses angepackt und den Krankenpflegeverein mitgegründet. In den Verhörprotokollen über ihn ist immer wieder ein Satz zu finden: „Das kann ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren.“ Und deswegen ist jetzt ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Wendlingen zu finden. Gunter Demnig, der Künstler und Erfinder der Stolpersteine, hat ihn vor kurzem verlegt. Folgende Worte sind in die Messingplatte auf dem Stein eingraviert: „Hier wohnte Konrad Zäh, Jg. 1877, Gegner der NS-Diktatur, schikaniert, bedroht, Zwangsruhestand 1937, überlebt.“

Weit über 100.000 Stolpersteine gibt es mittlerweile auf Straßen und Plätzen in ganz Europa. Sie erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt oder ermordet wurden. Gunter Demnig verlegt sie seit 30 Jahren. Das, was er mir bei unserer Begegnung erzählt, macht mir Mut. Die Anfragen, neue Steine zu verlegen, reißen nicht ab. Immer mehr Opfer werden ausfindig gemacht. Ihre Geschichten recherchiert und erzählt.  Er hat den Eindruck, dass jetzt die Enkel- und Urenkel-Generation auftaucht, sich mit dieser Zeit beschäftigt und wissen will: Was ist unsere Familiengeschichte, woher kommen wir eigentlich? Wo sind unsere Wurzeln und wie konnte so etwas passieren? 

Konrad Zäh hat damals nicht aufgehört, den Nazis zu widersprechen, über Jahre hinweg. Am Ende hat er seine Stelle als Postmeister und damit als Staatsbeamter verloren. Wie Konrad Zäh seine Familie mit sechs Kindern durchgebracht hat, weiß keiner so genau. Möglicherweise hat ihn die katholische Kirchengemeinde unterstützt, denn die stand fast geschlossen hinter ihm.

Es sind jetzt genau diese beiden Dinge wichtig, damit unsere Demokratie nicht zerbricht: Junge Leute, die fragen und hinterfragen; und Menschen, die mutig den Mund aufmachen und einfach nicht mitmachen, wenn gegen andere gehetzt wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43933
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