Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Darf ich für Dich beten?“ Die Frage von Mirjam überrumpelt mich und ich bin erst mal irritiert. Wir beide stehen am Fenster im Vorlesungsaal und haben gerade Pause. Mirjam und ich sind Studienkolleginnen, vor zwei Jahren haben wir neben dem Job mit einem Master-Studium angefangen. Das Besondere für mich dabei: Ich bin die Älteste im Jahrgang und Mirjam eine der Jüngsten, sie könnte meine Tochter sein.
Sie kommt auf mich zu und hat mir wohl angesehen, dass ich ziemlich müde bin. Und ich hab ihr erzählt, was mich umtreibt: Ein paar Sorgen wegen der Kinder, Ärger mit dem Vermieter und im Job fallen Kollegen aus; ich muss mehr arbeiten und deswegen hänge ich mit dem Studium einfach hinterher. Mirjam nickt und sagt: „Oh je, das kann ich verstehen, dass Du müde bist.“ Und dann stellt sie mir die Frage: „Darf ich für Dich beten?“ Ich weiß im ersten Moment nicht, was ich sagen soll. Das hat mich noch nie jemand gefragt. Und irgendwie ist es mir unangenehm. So schlimm ist es doch nicht, dass man für mich beten muss.
Aber dann sage ich doch „Ja“ und denke, es kann ja nicht schaden. Ich hatte angenommen, Mirjam wird heute Abend für mich beten. So wie ich das auch oft mache. Wenn ich im Bett liege und über den Tag nachdenke. Aber nein. Mirjam steht neben mir und legt mir ihre Hand auf die Schulter, sie ist fast einen Kopf kleiner als ich.
Dann wiederholt sie meine Sorgen, spricht Gott direkt an und bittet ihn darum, dass er mich begleitet und mir Kraft gibt. Am Ende wünscht sie uns Gottes Segen für die gemeinsamen Studientage. Ich bin berührt und bewegt.
Ein Gebet ist sicher kein Zauber. Aber mir hat es geholfen, dass Mirjam mich gesehen hat, diese junge Frau! Und ich habe gespürt, dass sie es ganz ehrlich meint, da war einfach ihre liebevolle Sorge um mich. Ich habe zwei Dinge von ihr gelernt: Beten geht immer und überall. Und: Nicht nur Beten braucht manchmal ein bisschen Mut, auch beten lassen.
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