Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04MRZ2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wir sind ganz allein in der historischen Gaststube. In den weißen Sprossenfenstern brennen große Kerzen, getrocknete Sanddornzweige stehen in der Vase; und die Holzdielen knarzen als wir zu unserem Tisch begleitet werden. Das neue Jahr ist gerade erst ein paar Wochen alt und ich besuche meine Tochter in Norddeutschland. Draußen tobt ein Schneesturm, es ist eisig kalt. Wir bleiben die einzigen Gäste an diesem Tag im Gasthof Alt Sieseby. Die Wirtin sagt: „Das ist kein Problem, ich koche natürlich trotzdem für Euch, was ihr wollt.“ 

Es waren zauberhafte Stunden! Köstliches Essen, dezenter Service, leise Musik im Hintergrund. Wir haben uns königlich gefühlt, wie sehr willkommene Gäste. 

Es gab einen Grund, weshalb ich in genau diesem Gasthof essen wollte. Ich hatte gelesen, dass die Wirtin seit vielen Jahren ein internationales Team beschäftigt, darunter immer wieder auch junge Flüchtlinge. Ich war neugierig und wollte selbst schauen: Wer ist die Wirtin und wie funktioniert das? Ich frage sie deshalb, wie die Leute auf sie aufmerksam werden. Denn der Gasthof ist weit draußen auf dem Land. In einem winzigen Dorf an der Schlei. Nicht wirklich attraktiv für junge Leute. Die Antwort von Maria, so heißt die Wirtin, überrascht mich: „Die kommen einfach“ sagt sie. „Das hat sich rumgesprochen. Die sagen zueinander: Geh zu Frau Maria!“ So wird sie von den jungen Leuten genannt, „Frau Maria“. Mund- zu-Mund-Propaganda also. So funktioniert das seit Jahren.

Und das ist besonders, denn überall in der Gastronomie werden Arbeitskräfte händeringend gesucht. Bei Maria arbeiten während der Sommer-Saison Menschen aus acht Nationen. Ich habe den Eindruck, es geht ihr nicht nur darum, dass der Laden weiterläuft. Es geht ihr um mehr. Wir haben das selbst erfahren bei unserem Besuch. Im alten Gasthof fühlt sich Gastfreundschaft ehrlich und aufrichtig an. Kein Wunder, dass auch junge Leute oft viele Jahre bleiben.

Denn das scheint das Geheimnis von Maria zu sein, weil sie weiß: Wer gastfreundlich sein will, der muss zuerst selbst Gastfreundschaft erfahren - und erlebt haben: Du bist hier willkommen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43931
weiterlesen...