SWR4 Abendgedanken
Auf einer Fahrt mit der Bahn von Karlsruhe nach Mannheim stand ein kleiner Junge mit seiner Mama mit mir am Bahnsteig. Dem etwa neun-Jährigen stand, das habe ich mitbekommen, seine erste Alleinfahrt mit der Regionalbahn bevor. Einfach einsteigen, einen Sitzplatz suchen und nach fünf Haltestellen aussteigen. Dort würde die Oma schon warten, hat die Mama ihm erklärt.
Ich habe darüber nachgedacht, wie ich mich in dieser Situation fühlen würde – als Papa, der seinen Sohn in die Bahn setzt, oder als neun-Jähriger, der diese Herausforderung unbedingt schaffen will.
Dem Impuls, mich den beiden vorzustellen und mich als Begleitperson anzubieten, habe ich widerstanden. Eine Herausforderung ganz alleine zu meistern ist ein super Gefühl und den Triumph wollte ich dem Kleinen unbedingt gönnen. Ich habe beschlossen, den Kleinen im Blick zu behalten und für ihn da zu sein, wenn er Hilfe braucht.
Mit dem einfahrenden Zug ist mir dann der Gedanke gekommen, dass es sich mit Gott vielleicht so ähnlich verhalten könnte. Gott, die aufmerksame Begleitperson im Hintergrund, die da ist, mich im Blick hat und mir beisteht. Ich finde, das ist ein schönes Bild für Gott. Und dieses Bild hat in mir einen weiteren Gedanken ausgelöst: Wie wunderbar wäre es, wenn wir Menschen auf diese Weise füreinander da wären. Unaufdringlich, aber aufmerksam und hilfsbereit.
Und so sind wir gemeinsam unterwegs gewesen – der kleine Junge, dem ich mich so verbunden fühlte, und ich und Gott. Ich finde den Gedanken richtig schön, dass Gott mit uns unterwegs ist, aufmerksam, hilfsbereit, aber unaufdringlich. Wir haben unsere Herausforderungen, die wir meistern können und manchmal auch müssen. Aber wir sind zu keinem Zeitpunkt auf uns allein gestellt.
Und so sind wir nach fünf Stationen am Zielbahnhof des kleinen Jungen eingefahren. Es war leicht zu erkennen, wer die Oma war, die gewartet hat. Und es war offensichtlich, wie stolz der Kleine war, diese Herausforderung geschafft zu haben. Wir gerne hätte ich zu ihm gesagt: Gut gemacht. Mach weiter so! Aber das hat ganz sicher die Oma für mich übernommen.
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