SWR4 Sonntagsgedanken

08MRZ2026
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Aus dem Brunnen …

Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Bergwanderung. Wir sind früh aufgebrochen, wollten bis zum Gipfel und dann wieder zurück. Im Dunklen sind wir losgegangen. Doch schon bald brannte die Sonne unglaublich auf der Haut. Zum Glück hatten wir Wasser dabei. Aber nicht genug, wie sich bald herausstellte. Der Rückweg war echt hart: Wie ausgetrocknet habe ich mich gefühlt. Und dann war da dieses kleine Rinnsal, das aus dem Felsen kam. Mit den Händen habe ich eine Schale geformt und getrunken. Köstliches Nass. Belebend. Danach fiel der Rest des Weges ziemlich leicht. Noch heute, wenn ich daran denke, hab ich diesen Geschmack von Bergwasser auf der Zunge.

Viele Menschen auf der ganzen Welt erleben noch viel existentieller, wie das ist, wenn zu wenig Wasser da ist. Sie leben in Dürrezonen: Regionen, in denen es zu wenig lebensnotwendiges Wasser für alle Lebewesen gibt. Das führt dazu, dass Obst und Gemüse nicht wachsen können. Da verdursten Pflanzen und Tiere.

Wasser ist lebensnotwendig. Davon erzählt auch eine biblische Geschichte. Da treffen sich Jesus und eine Frau. An einem Brunnen. Dem Ort, an dem es um Wasser geht. Die Frau will dort ihren Krug füllen. Die beiden kommen ins Gespräch, unterhalten sich über die Kraft des Wassers. Wasser, da sind sich die Frau und Jesus einig, ist Leben. Aber Wasser steht für mehr. Für die Frage: Wonach habe ich eigentlich Durst? Und bei beiden wird schnell klar: Durst haben, sich sehnen nach, sich etwas wünschen und erhoffen, das tun alle Menschen. Das spürt wohl jede und jeder: Dass es mehr gibt als das, was im Moment da ist. Und so sprechen die Frau am Brunnen und Jesus über diesen Durst, der mit Wasser nicht zu stillen ist. Aber sie sprechen nicht nur. Im Gespräch kommen sie sich näher. Erfahren voneinander, spüren Nähe, bauen eine Beziehung auf. Aus Fremden werden Menschen, die sich verstehen. Danach dürsten viele Menschen. Jesus und die Frau am Brunnen zeigen, wie dieser Durst gestillt werden kann. Durch aufeinander zugehen, durch Zuhören, durch Nachfragen.

 

… Leben schöpfen

Durst ist sicher eines der elementarsten Gefühle. Durst muss befriedigt werden, damit wir überleben. Menschen halten es lange aus ohne Nahrung. Doch ohne zu trinken, wird die Lage schnell lebensbedrohlich. Wenn ich also Durst habe, dann muss ich was trinken.

Was aber, wenn es beim Durst nicht um einen rein körperlichen Mangel geht? Denn wenn ich sage, dass ich Durst habe, dann kann das auch für eine Sehnsucht stehen. Es geht da um emotionale Nahrung. Um das, was für das Leben wichtig ist. Durst nach Beziehung, nach Anerkennung, nach innerer Reife.

Ich sehne mich nach einem Gespräch, nach einer Umarmung, nach einem Schritt nach vorne, danach, dass ich endlich etwas besser kann. Sehnsucht, das ist ein Wort wie für die Fastenzeit gemacht. Die vierzig Tage, die auf Ostern hinführen. Fasten heißt ursprünglich: festhalten. Merkwürdig. Denn beim Fasten will ich ja eigentlich eher was loswerden. Gewicht, Gewohnheiten, alltägliche Süchte wie Rauchen oder Social Media. Doch in der religiös geprägten Fastenzeit geht es um das Festhalten an den Geboten, die für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern gelten. Das Gebot, kein Fleisch zu essen etwa.

Fasten hat aber auch im übertragenen Sinn mit Festhalten zu tun. Der Gedanke: Nur wer sich an etwas festhält, der kann auch etwas loslassen. Wenn ich mich nach einem echten Gespräch sehne, wenn ich danach Durst habe, dann kann icheinfacher auf die Zeit verzichten, die ich sonst im Internet verbringe. Wenn ich Sehnsucht nach einer gerechteren Welt habe, dann kann ich vielleicht leichter etwas von dem abgeben, was ich habe – aus Solidarität mit anderen Menschen. Wenn ich mich als Mensch verändern will, dann kann ich den ersten Schritt tun, um mich von alten Gewohnheiten zu lösen.

Von dem Theologen Augustinus stammt der Satz: „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“. Das verweist auf einem wichtigen Punkt: Mit meinen Sehnsüchten schaue ich auf etwas, das ich noch nicht habe. Das außerhalb von mir liegt. Und entdecke so vielleicht eher, was ich festhalten will und was ich loslassen kann. Darum geht es – auch – in der Fastenzeit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43918
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