SWR3 Gedanken
Fahrscheinkontrolle! Ich sitze im Regionalexpress, auf der Rückfahrt von einem Termin. Der Zug ist gerade losgefahren, da steht schon ein freundlich lächelnder Zugbegleiter neben mir: Die Fahrkarten bitte! Was keiner im Zug ahnt: Nur eine Stunde später wird er schwer verletzt im Koma liegen. Totgeprügelt von einem Fahrgast. Erst Tage später ist mir klar geworden: Der nette Bahnmitarbeiter, der mein Ticket an jenem Montag kontrolliert hat, war jener Serkan Çalar. Ich selbst war kurz vor der Gewalttat ausgestiegen. An Serkan Çalar aber konnte ich mich erinnern. Es macht mich immer noch fassungslos.
Die Hemmschwelle, andere zu attackieren, zu verletzen, sogar ihren Tod in Kauf zu nehmen sinkt seit Jahren. Es trifft Polizisten, Rettungssanitäter, Zugbegleiter und viele andere. Gewalt ist wie ein lähmendes Gift, das sich langsam in eine Gesellschaft frisst. Das Gift wirkt längst. Wenn Zugbegleiter ein mulmiges Gefühl haben, sobald sie ihren Dienst antreten. Wenn Menschen Plätze in der Stadt meiden, weil sie ihnen Angst machen. Dagegen braucht es neue Sicherheitskonzepte. Aber allein reichen sie nicht und ich will mich auch nicht lähmen lassen. Ich kann Leute wie diesen Schläger im Zug nicht stoppen. Aber manchmal könnte ich sicher mehr Zivilcourage zeigen, zusammen mit anderen. Ich bin mir sicher: Wir sind eine große Mehrheit, die Hass, Gepöbel und Gewalt einfach nur anwidert. Und ich kann versuchen, zumindest ein wenig dagegenzusetzen. Bewusst und jeden Tag aufs Neue. Ich kann höflich bleiben, auch wenn mir was nicht passt. Kann Menschen respektvoll begegnen, obwohl ich müde oder gestresst bin. Kann versuchen zu schlichten, wo Emotionen hochkochen. Ich weiß, viel ist das nicht, aber doch ein kleiner Gewinn für alle. Und besonders für die, die für uns da sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43906