SWR Kultur Wort zum Tag
Eigentlich solltest du doch dankbar sein. Vermutlich bekommt das vor allem zu hören, wer sich gerade mal wieder beklagt: zu wenig Schlaf gehabt, zu viel Stress den ganzen Tag über, bisschen krank gefühlt schon seit Tagen, schon wieder fast nur Rechnungen in der Post. Und vom Wetter lieber gar nicht zu reden… Doch doch: du hast allen Grund zur Klage, oft genug jedenfalls.
Und dennoch das Gefühl, tief drinnen; oder die Ansage, die jemand macht: Eigentlich könntest du doch dankbar sein. Was meist ja auch stimmt. Wobei wenig hilfreich scheint, dass es anderen noch viel schlechter geht, dass sie wirklich krank sind oder mehr gestresst, wirklich arm oder übermüdet. Schon richtig: im Vergleich geht es mir doch gut. Aber das bleibt Kopfsache – bestenfalls. Und wenig hilfreich.
Und eigentlich will ich doch mit „den anderen“ solidarisch sein. Mich mit ihnen verbinden und ihnen helfen – also Menschen begleiten, denen es gerade wirklich schlecht geht und die zu recht alles schwierig finden… Sie zu begleiten, fällt mir leichter, wenn ich mit mir sozusagen im Reinen bin, einverstanden – oder auch dankbar.
Bleibt also dieses „Eigentlich könntest du doch dankbar sein“. Du solltest es wieder mal neu entdecken, tief in deiner Seele: das Gute und Schöne gibt’s auch in deinem Leben. Es ist bestimmt da – leider nur so oft gut versteckt und tief vergraben zwischen allerlei wirklichem Übel und echter Beschwerde; die gibt es so oft und sie drängen sich immer wieder in den Vordergrund. Irgendwann wird sich auch das Bessere wieder neu entdecken lassen.
Mir hilft bei der Neuentdeckung von guten und schönen Stücken in meinem Leben und auch in jedem Alltag, wenn ich mal wieder weg komme von der Journalisten-Regel „Good news are bad news“ – schlechte Nachrichten machen Quote und Kasse; was leider kaum zum Leben hilft.
Besser, wenn ich zunächst ganz ausdrücklich auf das Gute schaue. Ich könnte eigentlich erst mal dankbar sein für den großartigen doppelten Regenbogen, mit dem Regen und Sonne mich auf der Radtour beschenkt haben. Und dann erst beklagen, dass ich zugleich klatschnass geworden bin. Das Rad und die Klamotten trocknen schnell und alles ist gut… Den Dank zulassen, einfach nur Danke sagen ohne jedes Aber. Dankbar bin ich, weil ich heute diesen Menschen getroffen habe; eigentlich gut, dass der Zug verspätet war – so hab ich ihn noch erwischt.
Ja: das ist „positiv denken“ – aber es ist mehr: Mich verbindet es mit Gott; dem kann ich dankbar vertrauen; und eigentlich wäre da noch so viel mehr, wofür ich diesem Gott dankbar bin…
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