Begegnungen

22FEB2026
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Gunter Demnig Copyright: Manuele Pfann

Ich bin Manuela Pfann und spreche heute mit zwei Menschen, die sich nicht kennen – und die dennoch etwas verbindet: Und das ist ein Stolperstein. Stolpersteine sind jene kleinen gold-glänzenden Gedenksteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Ich treffe zunächst den Künstler Gunter Demnig, den Erfinder der Stolpersteine. Er hat vor Kurzem in Wendlingen am Neckar einige Steine verlegt. Anschließend lasse ich mir von Raimund Grammer erzählen, wer sein Großvater war. Denn für den ist einer der Wendlinger Stolpersteine.

Weit über 100.000 sind mittlerweile in ganz Europa zu finden. Die Namen der Opfer sind für Gunter Demnig entscheidend, sie sind auf jedem Stein eingraviert.

Na ja, der Rabbi von Köln hat mir mitgegeben: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Und das war eigentlich der Auslöser.

Vor über 30 Jahren hat Demnig die ersten Stolpersteine verlegt. Aber anfangs gabs nicht nur Unterstützung für seine Arbeit, erinnert er sich.

Es kam ja oft dieses Argument, man trampelt auf den Menschen rum, wie damals die Nazis auf den Menschen herumgetrampelt haben.

Es ging Gunter Demnig nie ums Trampeln, die Leute sollen stolpern. Und zwar so, wie es ein Schüler bei einer Verlegung mal gesagt hat, ihn zitiert Demnig gerne:

Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.

Von den jungen Leuten ist Gunter Demnig ohnehin begeistert, die machen ihm Mut.

Ich habe das Gefühl, dass die Enkel, Urenkel-Generation jetzt auftaucht, davon erfährt und wissen will: unsere Familiengeschichte, woher kommen wir eigentlich? Wo sind unsere Wurzeln und was ist passiert?

Denn die Anfragen, neue Steine zu verlegen, die reißen nicht ab.

Jede Geschichte ist besonders, sagt der mittlerweile 78-jährige Künstler. Und doch gibt es Momente, die er nicht vergisst: Er hatte irgendwo in Deutschland vier Steine verlegt. Für Eltern, die in Ausschwitz ermordet wurden und für deren Töchter. Die waren zuvor mit einem Kindertransport nach England verschickt worden. Denn auch Menschen, die fliehen mussten oder weggeschickt wurden gehören für Demnig zu den Opfern der NS-Zeit. Auch wenn sie überlebt haben.

Und dann kamen die beiden Schwestern quietschlebendig angereist. Eine aus Kolumbien, die andere aus Schottland, hatten sich seit 60 Jahren nicht mehr gesehen und standen dann vor den Steinen und sagten nur: Schön, jetzt sind wir mit unseren Eltern wieder zusammen.

Die Erinnerung an diese Begegnung bewegt ihn noch immer.

Na, da weißt du, warum du es machst.

Ich frage mich, ob sein Engagement eigentlich etwas mit dem Glauben zu tun hat. So viel Herzblut, wie er da reinsteckt. Seine Antwort lässt mich ein wenig schmunzeln.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Aber mit diesem Typen da, mit diesem Jesus, also mit dem hätte ich mich bestimmt gut verstanden.

Ich bin Manuela Pfann und spreche im zweiten Teil der Begegnungen mit Raimund Grammer.  Für dessen Großvater hat Gunter Demnig vor kurzem in Wendlingen einen Stolperstein verlegt.

Wir stehen vor seinem Elternhaus, direkt am Wendlinger Bahnhof. Da ist Raimund Grammer mit dem Großvater aufgewachsen. Auf dem Gehweg der frisch einbetonierte Stein für ihn. Darauf steht: „Hier wohnte Konrad Zäh, Jg. 1877, Gegner der NS-Diktatur, schikaniert, bedroht, Zwangsruhestand 1937, überlebt.“

Als ganz fanatischer Katholik und gefährlicher schwarzer Bruder …

… haben die Nazis ihn bezeichnet, so hat es der Enkel in den Akten der Nationalsozialisten gelesen. Raimund Grammer ist selbst schon weit über 70 und wie vehement sich sein Großvater damals gegen das Nazi-Regime gestellt hat, erfährt er teilweise erst jetzt. Der Großvater war aktiv in der Pfarrgemeinde und hat den Krankenpflegeverein mitgegründet. Für ihn war klar: Seine Kinder gehen nicht zur Hitlerjugend und seine Frau nicht zum Deutschen Frauenwerk.

Die Frau vom Bahnhofsvorsteher, die hat den Auftrag, Frauen anzuwerben für die Frauenbewegung der NSDAP und der Konrad Zäh hat die dann hochkant rausgeschmissen.

15 Seiten Verhörprotokolle hat der Bürgerverein Wendlingen in den Archiven gefunden. Immer wieder taucht darin auch die Formulierung auf, “das kann ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren”.

Sein Enkel zitiert ihn aus einem Schreiben der NSDAP:

„Und dazu muss ich noch sagen, ich bin ganz einverstanden, was der Nationalsozialismus auf wirtschaftlichem Gebiet geleistet hat und noch leistet. Aber mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht, die lehne ich grundsätzlich ab. Lieber lasse ich mich an die Wand stellen.“

So eine Aussage hatte Konsequenzen. Weil Konrad Zäh kein normaler Arbeiter war, sondern Staatsbeamter. Er war der Postmeister von Wendlingen.

Da gibt es eine Aktennotiz aus dem Ministerium, in der drinsteht: Ein Beamter, der die Ziele des Nationalsozialismus nicht unterstützt, muss weg.

Das hieß konkret: Die ganze Familie sollte zwangsversetzt werden nach Erfurt. Doch Konrad Zäh ist dem zuvorgekommen und hat den einzig möglichen Ausweg gewählt, er hat sich in den Ruhestand versetzen lassen. Das hieß gleichzeitig: Er stand ohne Job da – mit Frau und sechs Kindern. Wie die Familie das geschafft hat, weiß Raimund Grammer bis heute nicht. Was er aber weiß ist: Der Opa hat deshalb nicht geschwiegen.

Wenn der Opa in die Wirtschaft gegangen ist am Sonntagmorgen und hat den Jungen, Nazijugend oder Hitlerjugend, gesagt, sie sollen jetzt da rüber gehen, da sei nämlich jetzt Hauptmesse in der Kirche, da hat er sich nicht beliebt gemacht.

Raimund Grammer hat große Hochachtung vor dem Mut seines Großvaters. Erst als er dessen Akten gelesen hat, ist ihm klar geworden, was der damals aufs Spiel gesetzt hat: 

Der Opa ist praktisch über Wochen zum Gauleiter nach Nürtingen, zur Gauleitung, nach Tübingen, zur Oberpostdirektion nach Stuttgart. Was haben die durchgemacht! Die haben ja nie gewusst, dass der Papa wieder heimkommt.

Er kam wieder. Und jetzt, 70 Jahre nach dem Tod von Konrad Zäh, erinnert ein Stolperstein an ihn.

Ich glaube: Solche Vorbilder brauchen wir mehr denn je. Ebenso wie jene, die nicht müde werden, an sie zu erinnern, Stein um Stein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43900
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