SWR4 Sonntagsgedanken

22FEB2026
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Ich kann mich noch gut an die Fastenzeiten meiner Kindheit erinnern. Ich habe es mir damals schon von meiner Mutter abgeschaut, ganz gewissenhaft auf Süßigkeiten zu verzichten. Dabei bin ich gar nicht so streng religiös aufgewachsen. Einmal habe ich an einem Fastensonntag beim Bäcker einen Lutscher geschenkt bekommen. Den habe ich den ganzen Rückweg über vor mir hergetragen. Und nur zwischendurch einmal mit der Zunge probiert, wie er schmeckt.

Was ich als Kind konnte, ist mir später viel schwerer gefallen, und ich habe es gelassen. Bis ich dann viele Jahre später begonnen habe, mich intensiv mit meinem Glauben und religiösen Praktiken zu beschäftigen. Und zwar erstmal 150%ig. In der Fastenzeit hieß das für mich: kein Fleisch, keine Süßigkeiten, keinen Alkohol. Dann habe ich zusätzlich damit begonnen, mittwochs einen Obsttag einzulegen und freitags überhaupt nichts zu essen. Ich war ganz stolz, dass ich das durchhalten konnte. Es wurde wie ein Sport für mich. Ein positiver Nebeneffekt: Ich habe nach so einem Fastentag auch Kleinigkeiten, wie etwa eine trockene Scheibe Brot, ganz anders und neu genießen können. Bissen für Bissen.

Doch am Ende dieser Zeit habe ich gespürt: Ich habe mir selbst geschadet mit diesem strengen Programm. Und war am Osterfest, auf das diese Zeit doch eigentlich vorbereiten soll, ziemlich geschwächt.

Und so habe ich angefangen, tiefer nachzudenken: Wozu fasten Menschen eigentlich? Mir war schnell klar: Zwei Dinge wollte ich nicht mehr. Es sollte kein Hochleistungsprogramm sein, das mir schadet. Und ich wollte es auch nicht aus blindem Gehorsam gegenüber kirchlichen Regeln tun, die ich noch nicht verstanden hatte. Ich war auf der Suche nach Inhalt, nach einem tieferen Sinn

Beim Nachdenken darüber, welchen Sinn Fasten und Verzichten haben, ist mir die Begegnung mit einer Freundin eingefallen. Eva stand lange Zeit vor der Entscheidung, ob sie sich einer Ordensgemeinschaft anschließen oder doch lieber in Partnerschaft leben sollte. Wir haben viel darüber gesprochen, sie hat hin- und herüberlegt. Und auf einmal sagte sie: „Egal, wofür ich mich entscheide: Es ist immer auch eine Entscheidung gegen das andere!“

Mir ist klar geworden: Im Grunde steht hinter jeder Entscheidung, die ich in meinem Leben treffe, ein Verzicht. Im Kleinen wie im Großen. Soll ich heute zu der Party gehen oder mir mal einen ruhigen und entspannten Abend gönnen? Soll ich mich für eine Ausbildung zur Bankkauffrau entscheiden oder doch lieber in einer Apotheke lernen? Entscheide ich mich für eine Sache, muss ich auf anderes verzichten. Und so ist es im Grunde etwas ganz Alltägliches zu fasten.

Nur: Wie kann ich herausfinden, was ich tun soll und worauf besser verzichten? Wie kann ich gute Entscheidungen treffen? Der heilige Ignatius von Loyola war ein Entscheidungs-Experte. Er geht davon aus: Als Gott mich geschaffen hat, hat er meine Sehnsüchte und Begabungen tief in mich hineingelegt. Und da, in meiner Tiefe, kann ich sie mit seiner Hilfe finden und erkennen. Wenn Ignatius vor einer Entscheidung stand, hat er sich alle Alternativen jeweils eine Zeitlang vorgestellt. Mit allen Konsequenzen. Und dabei in sich hineingehört: Was bewegt sich in mir, wenn ich mir vorstelle, dass ich diese oder jene Entscheidung getroffen hätte?

Eva hat es ähnlich gemacht. Sie hat nicht nur nachgedacht, sondern sich beide Alternativen gründlich vorgestellt und nachgespürt, was das in ihr auslöst. Die Vorstellung, auf Dauer in der Gemeinschaft zu leben, hat sie unruhig gemacht. Weil sie immer gespürt hat, da ist etwas anderes, das sie eigentlich leben will. Bei der anderen Vorstellung hat sie einen tiefen Frieden in sich gespürt. Und so konnte sie sich gegen das eine und für das andere entscheiden.

Für die Fastenzeit nehme ich mir mit: Viel wichtiger als das Verzichten selbst ist das, wofür mich dieses Verzichten frei macht. Manchmal verselbständigen sich Dinge in meinem Leben so sehr, dass ich gar nicht mehr merke, dass ich mich auch anders entscheiden könnte. Dann bin ich nicht mehr frei. Und so habe ich angefangen, mir jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit Ruhe zum Nachspüren zu gönnen und mich ehrlich zu fragen: Was hält mich in meinem Alltag eigentlich gefangen? Was nimmt viel zu viel Zeit und Energie in Anspruch, die ich lieber für etwas anderes nutzen würde? Ich merke z. B., wie mich der ständige Blick auf mein Handy manchmal regelrecht aufsaugt. Die Zeit, die dabei draufgeht, möchte ich in dieser Fastenzeit lieber dafür nutzen, Freunde real zu treffen. Oder in die Natur hinauszugehen.

Wenn ich so für ein paar Wochen frei werde von Dingen, die mich von anderem abhalten, dann merke ich: Ich kann aufatmen. Ich spüre, dass ich darin meinen Sehnsüchten näherkomme, dass ich mehr Frieden in mir finde. Und damit auch Gott näherkomme und dem, was er in mich hineingelegt hat. Und mir ist klar geworden: Die besten Vorsätze für die Fastenzeit sind die, die ich auch nach Ostern noch beibehalten möchte.

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