Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich fahre meine Enkelkinder nach Hause. Der Verkehr ist chaotisch: Jemand nimmt mir die Vorfahrt; dann werde ich ausgebremst; und dann hupt auch noch einer hinter mir, weil ich an einer gelben Ampel stehenbleibe…
„Das gibt es doch nicht! Warum kann eigentlich keiner mehr richtig Auto-fahren?“ schimpfe ich laut vor mich hin. Nach einer Weile sagt mein Enkel:„Vielleicht, weil ihre Beine zu kurz sind…?“
Augenblicklich ist mein Ärger verflogen. Was für ein wunderbarer Gedanke:Ihre Beine sind einfach zu kurz.
Kinder verstehen nicht, was eine rhetorische Frage ist. Deshalb hat mein Enkel auch ganz ernsthaft über meine Frage nachgedacht. Er hat sich in die anderen Autofahrer hineinversetzt und hat überlegt, was sie wohl daran hindern könnte, richtig Auto zu fahren.
Er selbst liebt es, am Steuer zu sitzen und Autofahren zu spielen. Aber nicht nur, dass er kaum über das Lenkrad hinweg schauen kann; mit seinen dreieinhalb Jahren kommt er auch nicht annähernd an die Pedale ran, so sehr er sich auch danach streckt. „Vielleicht“ - so wird er gedacht haben - „vielleicht haben die ja alle dasselbe Problem wie ich: Die Beine sind einfach zu kurz.“
Und damit stellt er die Welt so herrlich auf den Kopf: Da haben die Erwachsenen plötzlich mit der Not viel zu kurzer Kinderbeinchen zu kämpfen und jeder Anspruch auf fehlerloses Fahren ist augenblicklich dahin.Um wieviel milder wird da gleich mein Blick auf die Welt!
Ja, ich sehe immer noch, dass da welche zu schnell fahren. Aber wann genau habe ich nochmal das letzte Knöllchen bekommen, weil ich nicht darauf geachtet habe, dass man nur 30 fahren darf…?
Vermutlich überschätze ich ja mein eigenes Fahrvermögen und in Wirklichkeit fahre ich auch nur ziemlich durchschnittlich. Und das bedeutet doch: Ich bin pausenlos darauf angewiesen, dass meine Fahrfehler ausgeglichen werden. Weil - die Beine sind leider nur allzu oft zu kurz…
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