Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25FEB2026
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„Was kann ich machen, Daniel?“ Ein Beschäftigter in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung fragt mich das immer wieder. Fast jedes Mal, wenn ich dort bin und ihn treffe. Und er meint damit die Gefühle, die ihn plagen. Er trauert um einen gestorbenen Verwandten, macht sich Sorgen um ein krankes Familienmitglied. Tagsüber drückt das seine Stimmung, abends kann er damit oft nicht richtig einschlafen. Und deshalb fragt er mich: „Was kann ich machen?“

Ich kann das so gut verstehen. Mit Trauer und Angst zu leben – natürlich ist das überhaupt nicht schön. Und natürlich würde man dann gern „was machen“, damit das wieder anders, damit alles wieder gut wird.

Wenn es zum Beispiel in einer Werkstatt um technische Produkte oder Fertigungsverfahren geht, ist das auch sinnvoll so. Da gibt es ein Problem, für das ich vielleicht nur den richtigen Handgriff brauche. So kann ich es rasch wieder hinbekommen.

Aber im Leben ist das ja nicht immer so einfach. Gefühle kann ich nicht einfach abstellen. Und manchmal lässt sich auch die Ursache dahinter nicht ändern. Den Tod kann ich nicht rückgängig machen, auch bei einer Krankheit sind meine Möglichkeiten begrenzt.

Deshalb glaube ich: Gefühle brauchen Raum und Zeit. Ich sollte sie nicht ignorieren – bei mir selbst nicht, und auch nicht bei anderen. Und wenn ich ihre Ursache nicht einfach beseitigen kann, dann geht es darum, die Gefühle zuzulassen und auszuhalten.

Wenn ich ein Gefühl in mir ausführlich wahrnehme, nehme ich damit ja auch mich selbst wahr. Und wenn ich einem anderen Menschen zeige, dass ich seine Gefühle wichtig finde, interessiere ich mich auch für ihn persönlich. Das kann einen entscheidenden Unterschied machen. Weil das Menschen spürbar miteinander verbindet.

„Was kann ich machen, Daniel?“ Mit dem Beschäftigten aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung rede ich oft über seine Traurigkeit oder seine Angst. Ich frage ihn, wie genau sich das anfühlt, was die Menschen in seiner Familie ihm bedeuten, was er schon mit ihnen erlebt hat. Und oft mache ich die Erfahrung: Genau dabei passiert schon etwas. Wenn wir Trauer und Angst miteinander geteilt und ausgehalten haben, sieht die Welt gerade dadurch wieder ein Stück anders aus. Und vielleicht ist damit ja schon viel mehr „gemacht“ als gedacht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43886
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