Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Zu welcher Kirchengemeinde gehören Sie denn?“ Das fragen mich immer wieder mal Patienten in der Klinik, wo ich als Klinikseelsorger arbeite. Ich bin schließlich gelernter Pfarrer – und Pfarrerinnen oder Pfarrer kennen die Menschen meistens von ihrem Ort zu Hause. Und dann kommt eben oft die Frage, zu welcher Kirchengemeinde ich denn gehöre.
Inzwischen antworte ich dann meistens: „Meine Gemeinde ist die Klinik!“ Und das ist gar nicht nur als Scherz gemeint. Ich habe tatsächlich keine festen Aufgaben mehr in einer klassischen Kirchengemeinde. Anders als früher im Gemeindepfarramt – da habe ich Gottesdienste in einem Kirchengebäude gefeiert, Konfirmanden begleitet oder Geburtstagsbesuche gemacht. Jetzt arbeite ich fast nur in der Klinik – und bin dort Ansprechperson für Patienten, Angehörige und Mitarbeitende.
Aber wie in einer Kirchengemeinde hat auch in der Klinik das ganze Leben Platz. Patienten, Angehörige und Mitarbeitende haben ja ganz viel miteinander zu tun – und das rund um die Uhr, auch abends oder am Wochenende. Und dabei kommen alle Dinge auf den Tisch, kleine Alltagsherausforderungen genauso wie große persönliche Fragen. Dabei kann es um die Krankheit gehen. Aber gar nicht nur: Der Bettnachbar schnarcht stundenlang, die erwachsenen Kinder schweigen sich während des Besuchs finster an, zu Hause stirbt das geliebte Haustier – all das kann Menschen an Grenzen bringen. Und manchmal ist es für sie hilfreich, mir das zu sagen. Vielleicht auch deshalb, weil ich ja in der Klinik bleibe – und nicht später mit zurückkomme an den Wohnort. Die Zeit im Krankenhaus kann Menschen aber auch beflügeln. Plötzlich entstehen Ideen für ein neues berufliches Projekt, eine alte Freundin meldet sich unverhofft – oder Menschen merken, wie gut sie versorgt werden. Und auch Freude lässt sich mit jemandem teilen. Das ganze Leben eben.
Was vielleicht anders ist als in einer „klassischen“ Kirchengemeinde: Zur Klinik-Gemeinde gehören erst mal alle Menschen. Egal, ob und wie sie glauben oder wo sie Mitglied sind. Als Team der Klinikseelsorge sind wir grundsätzlich für jeden da, das Angebot der Kirche kennt da keine Beschränkungen. Und wie intensiv der Kontakt dann wird, das entscheidet sich immer in der einzelnen Begegnung. Niemand muss mit uns beten oder in der Bibel lesen. Aber wo das gewünscht ist und hilfreich, tun wir es gerne.
„Meine Gemeinde ist die Klinik!“ Und im Moment kann ich mir gar nichts Schöneres vorstellen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43885