SWR1 3vor8

15FEB2026
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In dem Roman „1984“ von George Orwell, der in einem autoritären Polizeistaat spielt, gibt es die sogenannte Gedankenpolizei. Die verfolgt nicht nur Leute, die irgendwas Verbotenes getan haben. Schuldig macht sich schon, wer nur an etwas Verbotenes denkt – ohne die geringsten Anstalten, es wirklich zu tun. Der Text, der heute Morgen in den Katholischen Gottesdiensten zu hören ist, den könnte man auch so verstehen. Er findet sich in der sogenannten Bergpredigt Jesu, in der er seine Lehre wie in einem Grundsatzprogramm zusammenfasst. Da heißt es dann zum Beispiel: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. (Mt 5,27f). Das ist starker Tobak. Hört sich auf den ersten Blick an wie ein Fall für Orwells Gedankenpolizei. Doch wie so oft in der Bibel steht auch hinter diesem Satz ein tiefer gehender Gedanke. Dass nämlich ein Vergehen, oder eine Sünde, wie es die Bibel nennt, fast immer im Kopf beginnt und nicht erst mit der eigentlichen Tat. Heißt in diesem Fall: Dass ich allein durch die Vorstellung, mit einer anderen Frau eine Affäre zu beginnen, schon das in Frage stelle, was ich meiner Frau mal versprochen habe. Und man kann ja weiterdenken: Die bloße Idee etwa, ich könnte bei der Arbeit doch mal Geld unterschlagen, beschädigt schon das Vertrauen, das der Arbeitgeber mir entgegenbringt. Wer etwas Falsches also nur in Erwägung zieht, ist moralisch schon nicht mehr integer. Auch wenn er oder sie sich nichts zu Schulden kommen lässt.

Trotzdem gibt es ziemlich gute Gründe, warum etwa unser Strafrecht ein Tatstrafrecht ist. Warum ich also nur wegen tatsächlich begangener Straftaten vor Gericht lande, und nicht für irgendwelche dunklen Gedanken. Wer das aufgäbe würde schnell auf einer schiefen Ebene landen, die – wie in Orwells Roman - in einem Überwachungsstaat endet.

Für die, die ihm folgen wollen, wünscht sich Jesus allerdings einen höheren Maßstab. Als Christ soll ich versuchen, moralisch integer sein. Innerlich so gereift, dass ich gar nicht in Erwägung ziehe, etwas Übles zu tun. Auf der Stufenleiter der moralischen Entwicklung ist das ziemlich weit oben. Ein hoher Anspruch, an dem ich selbst auch immer wieder mal scheitere. Aber ist er deshalb unrealistisch? Nicht lebbar? Nein! Es ist keine Vorbedingung um Christ zu sein. Aber ein Ziel, an dem ich mich als Mensch und als Christ ausrichten kann und wachsen darf.

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