SWR4 Abendgedanken
Wie ein Blitz durchzuckt es mich: „Ach Mist. Jetzt habe ich den Schlüssel daheim vergessen.“ Etwas zu vergessen ist meistens richtig ärgerlich: Den Haustürschlüssel. Den Hochzeitstag oder einen Geburtstag. Den wichtigen Termin mit dem Chef. Gar nicht gut.
Aber manchmal ist es auch ein Segen, wenn man was vergessen kann. Vor allem dann, wenn es um Verletzungen geht. Wenn ich jemanden schlecht behandelt habe oder wenn mich jemand mit seinem Verhalten verletzt hat.
Wie gut, wenn dann der Satz fällt: „Ach komm. Das ist doch vergeben und vergessen.“ Es tut gut, wenn dieser Satz ausgesprochen wird. Wenn was wirklich vergeben und vergessen ist. Dann ist endlich erledigt, was war.
Ich glaube tatsächlich: Es ist lebensnotwenig für uns als Menschen, dass wir Dinge vergessen. Wenn ich immer alles, was mich beschäftigt hat und was mich beschäftigt, mit mir herumtrage, dann platzt mir irgendwann mein Kopf.
Vor allem, wenn Menschen miteinander unterwegs sind. Wenn ich nicht vergeben und vergessen kann. Dann endet das in einer Sackgasse. Dann geht es an diesem Punkt nicht mehr weiter.
Vergeben und vergessen: Diese Wendung erinnert aber auch daran: um etwas wirklich vergessen zu können, muss es auch ehrlich vergeben worden sein. Damit meine ich loslassen, was gewesen ist. Nicht unbedingt entschuldigen. Oder etwas im Nachhinein gutheißen.
Einer, der das erlebt hat, ist Petrus. Petrus ist einer der engsten Freunde von Jesus. Überall hin will er ihm folgen. Und alles für ihn tun. Und was ist am Ende? Da streitet er sogar ab, dass er diesen Jesus überhaupt kennt. Für Jesus eigentlich Grund genug, mit diesem Menschen nichts mehr zu tun haben zu wollen. Aber was macht Jesus? Er vergibt und vergisst, was war. Es spielt keine Rolle mehr. Und Petrus bekommt von Jesus sogar eine ganz besondere Aufgabe: Er soll das weiterführen, was Jesus angefangen hat. Was war ist vergeben und vergessen. Es kann weiter gehen.
Wenn ich mich als Pfarrer bei Beerdigungen mit Familien unterhalte, dann merke ich häufig, wie tief Verletzungen sitzen können. Wenn sie nicht vergeben sind. An Vergessen ist dann erst gar nicht zu denken. Ich glaube: Vergeben und vergessen; das kann so befreiend sein. Es kann so viel Kraft und Mut freisetzen. Und Platz für Neues schaffen.
Einen Haustürschlüssel zu vergessen ist wirklich ärgerlich. Aber Vergeben und vergessen zu können ist etwas Wunderbares. Kein Mensch ist unfehlbar. Und deshalb sind wir alle aufs Vergeben und Vergessen angewiesen.
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