SWR4 Abendgedanken
„Kriegen wir dafür eine Note?“ – Immer donnerstags bin ich in der Schule und gebe Unterricht. Und das fragen mich die Kinder eigentlich bei fast allem, was wir machen. Wenn wir ein Plakat gestalten. Sie selber eine Geschichte schreiben sollen. Und – ganz wichtig – dafür, wie ihr Heft aussieht. Das macht mich nachdenklich. Die Kinder haben das tief verinnerlicht: In der Schule wird fast alles benotet. Und ich merke, dass dabei immer ein bisschen Angst mitschwingt. Die Angst nicht gut genug zu sein.
Das begegnet mir aber nicht nur in der Schule. Diesen Leistungsdruck erlebe ich auch bei vielen Erwachsenen. Dieses innere Gefühl, ständig benotet zu werden: im Beruf, in der Familie, sogar in der Freizeit. Als ob irgendwo ständig jemand mit einem Klemmbrett alles bewertet, was ich mache. Und auch, wenn es um den Glauben geht, erlebe ich das in Gesprächen immer wieder. Diese Vorstellung, dass Gott alles bewertet, was ich den ganzen Tag so mache. Mein Leben lang. Und am Schluss wird abgerechnet.
Was für eine krasse Überforderung für mein Leben. Nein. Ich glaube das nicht, dass Gott eine Notenliste führt. Nicht, weil alles egal ist, was ich tue. Sondern, weil Gott anders auf uns Menschen schaut als wir auf uns selbst. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ Das ist ein ganz alter Satz aus der Bibel. Ich lese daraus: Gott sieht nicht nur das Ergebnis. Nicht nur das, was gelungen oder misslungen ist – sondern den Weg, den ich gegangen bin. Die Mühe. Die Angst. Den Mut. Die Liebe, die ich hineingegeben habe, auch wenn sie nicht perfekt war. Und vor allem, bekomme ich am Ende dafür keine Note.
Ja. Ich weiß. In der Schule gibt es nun mal Noten. Und ja. Die Kinder in meiner Klasse bekommen auch Noten von mir. Aber ich habe mir fest vorgenommen, dass ich ihnen vor dem nächsten Zeugnistag einen Aufkleber auf Ihr Heft klebe: „Du bist mehr als deine Noten.“ Und auch allen Erwachsenen würde ich das gerne aufs Handy schicken. „Du musst nicht perfekt sein. Du bist wertvoll. Dein Wert hängt nicht von Leistung ab. Nicht davon, ob Dein Leben gerade eine „Eins“ ist oder eher eine „Vier minus.“
Ich finde das unglaublich befreiend. Weil ich glaube, dass Gott will, dass ich mutig leben kann. Dass ich Fehler zulassen kann. Bei mir und bei anderen. Dass ich Neues ausprobieren kann. Dass ich nicht immer darum kämpfen muss, gut genug zu sein. Und vor allem: Dass ich nicht um meine Versetzung bangen muss.
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