SWR Kultur Lied zum Sonntag

15FEB2026
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Wehret den Anfängen! Nennt Ungerechtigkeit beim Namen, auch im Kleinen! Erstickt das Böse schon im Keim! Wenn das nur immer so einfach wäre …
„Verbrecherische Rede kann eine böse Falle sein“, warnt ein biblisches Sprichwort. Aber wo fängt verbrecherische Rede an? Ab wann wird sie gefährlich? Und was setze ich ihr entgegen? Die Liedermacherin Dota Kehr hat darüber ein Lied geschrieben, das mich gepackt hat. Es handelt von zwei im Bus:

Der Bus fährt in die Kurve, die Tanzstunde war toll,
Foxtrott hat sie immer interessiert.
Und seine Hobbys. Meine Güte, sie weiß gar nicht, was sie sagen soll.
Sie ist total fasziniert.
Rollenspiel und Backen – aus uns könnte was werden,
denkt sie gerade, da reißt er diesen Witz.
Sie ist perplex. So ein rassistischer Witz.
Er lacht. Und sie lacht kurz mit aus Reflex.

Wehret den Anfängen! Erstickt das Böse schon im Keim! Nennt Rassismus beim Namen, auch wenn er sich als Witz getarnt hat. Was ist zu tun? Das fragt sich auch die Frau im Bus bei Dota Kehr:

Was ist zu tun? Sie zögert irritiert.
Er lacht noch und sie überlegt, wie sie jetzt reagiert.
„Tut mir leid, dass mit uns beiden kannst du knicken.
Such dir anderswen zum Reden. Manche blicken es halt nie.
Ich steig hier aus. Fick dich ins Knie!“
Das könnte sie sagen.
Es wär vielleicht nicht ganz ihr Stil.
Die Formulierung wär zu drastisch für ihr Taktgefühl.
„Bleib ich jetzt höflich? Oder scheiß ich auf höflich?
Zieh ich jetzt nicht diese Linie, stell dir vor, was könnte werden.
Da wäre alles inbegriffen. Vielleicht würden wir ein Paar,
es kommen Kollegen zu Besuch,
er macht rassistische Sprüche und ich gucke verkniffen.
Vielleicht kommen ein paar Freunde von ihm,
sitzen auf dem Sofa, essen Kekse, neigen zu Gewalt.
Rassismus ist Rassismus, ob im Witz oder im prügelnden Mob,
der gleiche Scheiß-Rassismus halt.“
Was ist zu tun? Sie zögert irritiert.
Er lacht noch und sie überlegt, wie sie jetzt reagiert.
„Tut mir leid, dass mit uns beiden kannst du knicken.
Such dir anderswen zum Reden. Manche blicken es halt nie.
Ich steig hier aus. Fick dich ins Knie.“
Das könnte sie sagen, doch der Bus fährt gerade an, zur nächsten Halte ist es lang,
sie glaubt an Dialog und dass man seine Meinung ändern kann. Hmmm. Hmmm.

Ja, reden hilft. Diskutieren. Unterschiedliche Anschauungen miteinander ins Gespräch bringen. Davon war ich immer überzeugt. Jetzt bin ich manchmal zögerlich. Funktioniert das wirklich? Mit Radikalen? Was hilft, um all den Fallstricken zu entkommen? Das fragt sich auch die Frau im Bus:

Hakt sie nach, wird er sie ganz bestimmt humorlos nennen.
Eben dachte sie, sie würde ihn so gerne besser kennenlernen.
Oh Mann, wie kompliziert, denkt sie, wahrscheinlich bin ich schon verliebt?
Und vielleicht bin ich auch zu kleinlich.
Ist ein Witz nur ein Witz? Oder wirklich ein Problem?
Sie schaut ihn an. Er lacht die ganze Zeit.
Wie diskriminiert man jetzt korrekt diesen Rassist? Das heißt, wenn er einer ist?
Und woher weiß man das mit Sicherheit?
Was ist zu tun? Ein Ausweg wär zu denken: Ach, er hat’s nicht so gemeint,
er ist so nett und er scheint so reflektiert.
Und so macht’s das halbe Land, weil keiner weiß, wie man am besten reagiert.

Kommunikationstrainer sagen: Ein Mensch braucht sieben Impulse, bis er von einer fest gefassten Meinung ablassen kann. Was ist also zu tun? Geduld haben, sechs verbrecherischen Reden standhalten und die siebte gute Idee finden, die es wenden könnte. Und zum Durchhalten um Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit bitten. Damit lässt sich den Anfängen wehren. Und ihren Fortsetzungen auch.

Wollt ihr wissen, wie es weiter ging, mit den beiden im Bus?
Kam’s zur Schlägerei oder kam’s zum Zungenkuss?
Stieg sie einfach aus und hinterließ ihn konsterniert?
Oder haben die beiden stundenlang gemeinsam diskutiert?
Ich weiß es nicht, ich kenn die nicht, ich kann es euch nicht sagen,
wie in dem Fall der Verlauf war und der Schluss -ich saß in einem andern Bus.

 

Musikangaben:
Text und Musik: Dota Kehr
Aufnahme: Dota, Die Freiheit. Kleingeldprinzessin Records 2018 LC 09274

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43852
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