SWR4 Sonntagsgedanken
Morgen ist ja wieder Rosenmontag. Mir als evangelischem Gewächs von der schwäbischen Alb liegt Fasching oder Fasenacht ja nicht so im Blut. Aber immerhin – als junge Frau bin ich einmal bei einem Rosenmontagszug live dabei gewesen. In Mainz, als ich dort studiert habe. Ich bin damals also extra hin, und bin mir vorgekommen, als wäre ich auf einem fremden Planeten gelandet: überall schrille Kostüme, bemalte Gesichter, Perücken. Es war ein unglaublich buntes, aber auch lautes Gedränge, die ganze Umzugsstrecke entlang. Und vom Umzug selbst, von den Musikgruppen und den Motivwagen habe ich kaum was gesehen. Aber egal. Es war toll, dabei zu sein. Und trotzdem habe ich mich eher an den Rand des Geschehens zurückgezogen. Und bin hier, am Rand, auf noch mehr Menschen gestoßen, die nicht so recht dazu gehört haben, zu dem bunten Treiben – genau wie ich.
Ich habe da eine Frau gesehen, ohne Kostüm ganz alltäglich angezogen, die - am Umzug vorbei – wahrscheinlich nur zum Einkaufen wollte. Ein paar Gestalten haben friedlich an einer Hauswand gehockt – wahrscheinlich, weil sie schon etwas zu viel Alkohol intus hatten. Und an der nächsten Straßenkreuzung habe ich Sanitäter mit ihrem Einsatzwagen vom Roten Kreuz gesehen – bereit um zu helfen, falls sich jemand verletzt…
Jedes Jahr am Rosenmontag muss ich daran denken, an den großen Trubel mitten in der Stadt, auf den sich alle schon lange gefreut hatten, und an mich und die anderen Randfiguren, auf die weiter niemand geachtet hat.
Rosenmontag morgen, dann Faschingsdienstag und am Aschermittwoch ist dann alles vorbei. Und die Passionszeit, die Fastenzeit beginnt: die Zeit im Kirchenjahr, in der wir Christen über die letzten Wochen im Leben von Jesus Christus nachdenken. Für uns eine eher stille und gedämpfte Zeit, und ich finde den harten Wechsel sehr passend: vom bunten Treiben zur stillen Nachdenklichkeit. Weil es im Leben von Jesus genauso gewesen ist. Die Bibel erzählt davon: wie er von seinen Landsleuten eben noch gefeiert wurde als lang ersehnter Retter und Gesandter Gottes – und wie er im nächsten Moment angefeindet worden ist, unter einem Vorwand gefangen genommen wurde, verurteilt wurde und sogar hingerichtet worden ist. Wie es so weit kommen konnte, das ist es schon wert, dass man darüber nachdenkt.
In vielen evangelischen Gottesdiensten heute geht es deshalb um folgende Biblische Geschichte. Jesus ist unterwegs nach Jerusalem, dem damalige Zentrum der Macht. Er weiß genau, dass er sich dort seinen Feinden stellen muss. Und dass seine Anhänger das von ihm erwarten. Der Erwartungsdruck ist also groß, und mehr und mehr Menschen begleiten ihn und seine 12 Jünger. Ein richtiger Umzug entsteht, in Richtung Jerusalem.
Bei Jericho kommen sie an einem Mann vorbei, der abseits und eher am Rande bleibt. Er ist blind, eine Randfigur, auf die niemand weiter achtet. Aber der Blinde erfährt, dass es Jesus ist, der gerade vorbei kommt, und er fängt an zu rufen und zu schreien: Jesus, du Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Und wird prompt angefahren, dass er den Mund halten solle. Schließlich ist er nur eine Randfigur. Der Zug um Jesus herum ist jetzt einfach wichtiger.
Ich finde, die Erzählung passt heute genau: kurz vor den Umzügen am Rosenmontag und kurz darauf dem Aschermittwoch. Weil in ihr irgendwie beides steckt: Jubel und buntes Treiben rund um Jesus auf seinem Weg – und gleichzeitig seine Reaktion darauf. Denn Jesus hört den Blinden Mann am Rande. Und unterbricht seinen umjubelten Weg. Er geht hin zu dem Menschen am Wegesrand. Zu dem, der mit dem ganzen Trubel gar nichts zu tun hat – und sich nichts von der Ankunft Jesu in Jerusalem erwartet. Und nicht gespannt ist auf das, was dort passieren wird.
Stattdessen fragt ihn Jesus: „Was erwartest Du von mir?“ „Dass Du mich gesund machst und ich wieder sehen kann.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Sieh wieder! Dein Glaube hat dich gerettet.“
Im Leben von Jesus hat es beides gegeben: Den Jubel und unmittelbar danach den harten Bruch: Anfeindungen, Verleumdung und so großer Hass, dass er in Jerusalem sogar am Kreuz hingerichtet worden ist. Warum? Weil Jesus seine Mitmenschen erreichen wollte – die, die ihm gefolgt sind auf seinem Weg genauso wie die am Rande. Weil er beides nur auf sich genommen hat, um den Menschen Gott nahe zu bringen. Und ihn ihnen den Glauben zu wecken, dass Gott gnädig ist und auch die sieht und hört, die am Rande sind – abseits des buten Trubels.
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