Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21FEB2026
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„Ich lass mir nix sagen – ich bin mündig.“ Diesen Satz habe ich in der Bäckerschlange gehört. Ein Mann war genervt, weil ihn jemand darauf hingewiesen hatte, doch bitte Abstand zu halten. Seine Reaktion war schroff. Und sie steht für etwas Größeres. Ein Misstrauen gegenüber allem, was wie eine Regel klingt.

In den letzten Jahren höre ich das öfter. Hinweise im Straßenverkehr? Nervig. Empfehlungen beim Arzt? Gängelung. Wissenschaftliche Studien? Einseitig. Nachrichten? Manipuliert. Alles, was nach Autorität klingt, wird skeptisch beäugt.

Fast schon reflexartig wird reagiert: Ich entscheide selbst. Ich denk selbst. Ich brauch keine Ansagen.

Klar – wer will nicht selbstbestimmt leben? Aber Mündig sein heißt nicht einfach, sich nichts mehr sagen zu lassen. Mündig ist, wer Verantwortung übernimmt – auch dafür, was das eigene Verhalten bei anderen auslöst. Wer nicht nur fragt: Was will ich gerade? Sondern auch: Was braucht mein Gegenüber?

Ich glaube: Es ist völlig okay, wenn einem mal der Kragen platzt. Passiert uns allen mal. Aber wer wirklich mündig ist, weiß auch: Ich bin nicht allein auf der Welt. Mein Verhalten wirkt auch auf andere.

Mündig sein heißt deshalb auch: Mut sich selbst zu hinterfragen. Vielleicht stimmt das, was ich denke. Vielleicht aber auch nicht.

Was mich erschreckt: Wie schnell aus „Ich lass mir nix sagen“ eine Grundhaltung wird. Eine, die alles ablehnt – sogar das Gespräch.

Dabei zeigt sich Mündigkeit für mich gerade im Respekt: Ich höre zu, auch wenn ich anderer Meinung bin. Ich nehme ernst, dass es selten nur eine Wahrheit gibt.

In der Bibel steht: „Alles ist erlaubt – aber nicht alles dient zum Guten.“ (1 Kor 10,23)
Für mich heißt das: Ich darf viel. Aber ich muss nicht alles tun. Manchmal ist es klüger, still zu sein. Oder zu sagen: Ich verzichte.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Mündigkeit nicht mit Trotz verwechselt wird.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43849
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