Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Es gibt Tage, die fangen schon seltsam an. Ich sitze im Zug, will mein Handy laden – und merke: Kein Kabel dabei. Und den Geldbeutel? Auch vergessen. Super. Akku fast leer, kein Bargeld, keine EC-Karte. Kurz: Ich bin unterwegs – aber ohne alles, was mir sonst Sicherheit gibt.
Ich merke, wie nervös mich das macht. Was, wenn der Akku ganz leer ist? Wenn ich später mein Ticket zeigen muss? Wenn ich Geld brauche und nichts dabei habe?
In meinem Kopf beginnt ein Krisenplan: Wer könnte mir helfen? Wo krieg ich ein Ladekabel her? Ich bin plötzlich auf andere angewiesen – und das fühlt sich erstmal gar nicht gut an.
Ich bin eine, die gern alles im Griff hat. Listen, Kalender, Routinen – ich organisiere mein Leben so, dass es rund läuft. Aber das Leben hält sich eben nicht an meine Pläne. Und manchmal reicht schon so ein Morgen – ohne Kabel, ohne Geldbeutel – damit ich mich ganz schön verloren fühle.
Aber dann schaue ich mich um. Neben mir sitzt ein junger Mann. Kopfhörer im Ohr, Powerbank in der Hand. Ich frage ihn, ob er mir sein Kabel leiht. „Klar“, sagt er. Ganz selbstverständlich. Und auf einmal ist sie da: die Verbindung. Zwischen Fremden. Einfach so.
Ich bekomme den Akku wieder voll – und irgendwie auch mein Vertrauen zurück. Denn so verloren, wie ich dachte, bin ich nicht. Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich bin auch nicht allein.
Ich glaube: Manchmal zeigen sich genau in solchen Momenten die entscheidenden Fragen. Wem vertraue ich, wenn nichts funktioniert? Was trägt, wenn der Akku leer ist? Und: Muss ich immer alles selbst regeln – oder darf ich mich auch mal tragen lassen?
Jesus hat mal gesagt: „Sorgt euch nicht um morgen.“ (Mt 6,34) Mir fällt das schwer. Denn ich sorge mich, um Termine, Aufgaben, was noch kommt. Ich will eben vorbereitet sein, alles im Griff haben. Und merke gleichzeitig: Ich kann das gar nicht. An Tagen wie diesem glaube ich zu verstehen, was Jesus meint. Ich kann den nächsten Schritt gehen, auch wenn ich den übernächsten noch nicht kenne. Ich kann loslassen und trotzdem gut ankommen.
Weil ich nicht allein unterwegs bin. Weil da Menschen sind, an die ich mich wenden kann. Und weil ich darauf vertraue: Dass sich ein Weg zeigt. Und dass das Leben nicht immer einen Plan braucht – sondern ein Grundvertrauen.
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