Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Karneval, Fasching oder Fasnet – egal wie man sie nennt, ich find die fünfte Jahreszeit einfach nur ver-rückt! Die Leute verkleiden sich und stellen die Welt für eine kurze Zeit auf den Kopf.
Da, wo ich herkomme, übernehmen an der Fasnet Hexen und Teufel symbolisch das Rathaus. Sie nehmen den Bürgermeistern den Schlüssel ab – und zeigen damit: Macht ist nicht selbstverständlich. Sie ist auf Zeit.
An der Fasnet werden Rollen getauscht, Machtverhältnisse umgekehrt und auch sonst einige Dinge einfach närrisch verdreht.
Mich fasziniert dabei besonders die Figur des Narren. Früher durfte er am Hof sagen, was sonst niemand auszusprechen wagte. Er hielt den Herrschenden den Spiegel vor, erinnerte sei daran, dass auch sie fehlbar sind. Und daran, dass ihre Macht, ihr Leben, nicht ewig währt. Närrisch verpackt, damit es erträglich blieb. Und doch ernst gemeint.
Der Narr war nicht nur Spaßmacher. Er hatte eine Aufgabe und Verantwortung.
Diese Idee schimmert bis heute durch – wenn bei Umzügen oder in Prunksitzungen Missstände benannt werden. Humorvoll, überspitzt, manchmal schmerzhaft genau. Auch die Mächtigen müssen dann zuhören. Und vielleicht neu nachdenken.
Deshalb finde ich es fast schon schade, dass diese Zeit so schnell vorbei ist. Danach kehrt der Alltag zurück. Ich muss funktionieren. Aufgaben erfüllen. Verantwortung tragen. Alles wichtig – aber oft ohne Raum für kritische Distanz. Ohne das närrische Innehalten.
Aber was, wenn ich mir davon etwas bewahre? Nicht laut, nicht auf der Bühne – sondern im Kleinen. Für mich selbst.
Närrisch sein könnte heißen, nicht jedes „Das macht man halt so“ einfach hinzunehmen. Nicht jedem Trend hinterherzulaufen, nur weil er als unverzichtbar gilt. Sondern zu fragen: Warum tue ich das eigentlich? Wem nützt es? Und dient es wirklich dem Leben?
Vielleicht ist das eine sehr alltägliche Form von Narr sein. Keine Respektlosigkeit, Keine Leichtfertigkeit. Sondern eine wache, verantwortungsvolle Haltung. So gesehen braucht es gute Narren nicht nur an der Fasnet. Sondern das ganze Jahr über.
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