Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Tanja ist Lehrerin in einer 2. Klasse und fängt – wie immer freitags morgens - die Klassenrunde mit einer Frage an. So eine ungewöhnlich gewöhnliche Frage wie: Ist sieben viel? Eine Regel gibt es für ihre Runden: Keiner darf seine Antwort anfangen mit: „Hm, das kommt darauf an…“ Die Kinder kennen die Regel, sie legen los.
Sieben Kugeln Eis sind viel. Jedenfalls auf einmal. Wenn ich nur sieben Minuten am Tablet spielen dürfte, dann wäre das nicht viel. Ich hatte mal sieben Mückenstiche auf einmal. Das war blöd.
Hej, wir sind ja alle sieben Jahre alt! Ist das viel? Nee, man kann ja noch viel älter werden! Die Lehrerin sagt: Ich hatte sieben Stunden Wehen bevor meine Tochter auf die Welt kam, das war lang. Die Zweitklässler gucken erstaunt. Hat es meiner Mama bei mir auch weh getan. Ja, aber kannst du ja nichts dafür.
Tun Erwachsenen denn Sachen weh? Nee, meinem Papa tut nichts weh, glaube ich. Aber Erwachsene weinen doch auch manchmal. Aber eher, wenn sie traurig sind. Also, wenn ihnen innen was weh tut. Nach zehn Minuten beendet die Lehrerin die Runde. Ohne Zusammenfassung, ohne Antworten. Sie sagt: Mensch, da haben wir ja mal wieder gut gefragt und gut geantwortet!
Als Tanja mit diesen Runden angefangen hat, lief’s noch anders: Da wollte immer ein Kind recht haben, oder wollte, dass die Lehrerin sagt, wer Recht hat.
Die Kinder haben nicht lange gebraucht, vielleicht drei Freitage, vielleicht auch sieben, bis sie die Runden so genutzt haben wie heute. Einfach zum Fragen fragen. Mehr noch: Zum Philosophieren, zum Herum-Denken.
Apropos „Sieben“ - im vergangenen Jahr habe ich auch etwas über die Zahl Sieben gelernt. Ich war bei einem Argumentationstraining und ich habe dort gelernt, wie ich in Alltagsgesprächen besser antworten kann auf Aussagen, die menschenverachtend oder demokratiefeindlich sind.
Der Coach hat am Ende zusammengefasst: „Machen Sie sich klar, dass ein Mensch sieben Impulse braucht bis er oder sie von einer fest gefassten Meinung ablässt. Was wir also vor allem brauchen ist Geduld und sieben gute Ideen. Und was noch wichtiger ist: Wir werden uns sechsmal aufregen, sechsmal Antworten kriegen, die wir nicht hören wollen.“
Ist sieben viel? Für ungeduldige Menschen wie mich auf jeden Fall. Aber was neugierige Kinder können, das können ungeduldige Erwachsene auch.
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