SWR3 Gedanken
„Ach, diese Wokeness…“ Kaum ein Wort rollt aktuell so genervt über die Zungen wie der Begriff Wokeness. Für viele ist dieser Begriff mittlerweile ein Schimpfwort – und wird tragischer Weise für alles und alle benutzt, die sich für Menschenrechte, Minderheitenschutz oder soziale Gerechtigkeit einsetzen
– gern verbunden mit Bildern von „arroganten“, „linken“, „versifften“ Eliten. Das ist nicht nur verzerrend, sondern historisch falsch.
Denn „woke“ stammt aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1930er-Jahre und bedeutet schlicht: wach sein. Wach für Unrecht. Wach für Diskriminierung. Wach für die Realität von Menschen, die nicht gehört werden. Es ging darum, nicht wegzusehen, wenn andere systematisch benachteiligt werden.
Aus christlicher Perspektive ist genau das kein modischer Trend, sondern ein Kernanliegen des Glaubens. Die Bibel ist voll von Aufforderungen, hinzusehen, zuzuhören und Partei zu ergreifen: für die Armen, die Fremden, die Ausgegrenzten. „Wach sein“ heißt im christlichen Sinn: das Leid anderer nicht zu relativieren, sondern ernst zu nehmen.
Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort, wo Weltpolitik endet: im Alltag. Beim Zuhören. Wenn Menschen von Alltagsrassismus erzählen – davon, ständig angestarrt, angesprochen oder auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Dann geht es nicht darum zu diskutieren, ob das „wirklich so schlimm“ ist. Sondern darum, ihre Erfahrung ernst zu nehmen. Wach zu bleiben. Nicht abzustumpfen. Das ist keine Ideologie – das ist Verantwortung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43829