SWR4 Sonntagsgedanken

08FEB2026
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Endlich werden die Tage so ganz langsam wieder länger. Während sie jetzt die Sonntagsgedanken hören, geht überall in Deutschland die Sonne auf. In der dunklen Jahreszeit habe ich früher den Kindern in der Grundschule eine Geschichte aus den Philippinen erzählt. Ich hatte dann immer eine Kiste mit Stroh und eine Kerze dabei. So gut kann ich mich daran erinnern. Die Kinder noch etwas müde in der ersten Stunde und doch ganz präsent im Stuhlkreis. Draußen war es noch dunkel. Und drinnen im Klassensaal auch nur wenig Licht.

Die Geschichte war schnell erzählt:

Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger einsetzen. Er gab jedem der beiden Söhne fünf Silberstücke und sagte: "Geht und füllt die Halle unseres Schlosses. Was ihr für das Geld besorgt, um damit die Schlosshalle zu füllen, das ist eure Sache!" Da ging der älteste Sohn hin und brachte trockenes Stroh in die Halle und füllte sie damit bis oben hin.

An der Stelle habe ich immer die Kiste mit dem Stroh geöffnet, sie den Kindern gezeigt und dann die Geschichte weiter erzählt.

Bald darauf kam auch der Jüngere. Er ließ all das Stroh aus der Halle entfernen, stellte mitten in die große Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte den Raum bis in den letzten Winkel. Da sagte der König zu ihm: "Du sollst mein Nachfolger sein. Denn du hast die Halle nicht mit nutzlosem Stroh gefüllt, sondern mit dem, was die Menschen brauchen, dem lebendigen Licht!“

Jetzt habe ich die Kerze entzündet und sie in die Mitte vom morgendlichen Stuhlkreis gestellt. Unvergessen bleiben mir die Gesichter der Kinder. Vom Glanz der Kerze erhellt. Meistens war es dann einen Moment lang still und wir schauten uns nur an.

Ihr seid das Licht der Welt , sagte Jesus vor 2000 Jahren zu den  Menschen, die ihm nachfolgten. Und "Kinder des Lichts" nannten die Christen und Christinnen sich selbst voller Überzeugung in den ersten Jahrhunderten. Licht in die Welt bringen. Bin ich  wirklich so eine Lichtgestalt, von der Jesus spricht? Mit was fülle ich meine Lebensräume. Mit nutzlosem Zeug wie dem Stroh in der Geschichte aus den Philippinen?  Oder mit Licht, das den Menschen an meiner Seite gut tut?

 

Mit was also fülle ich meine Lebensräume? Ein Text aus der Bibel, der im katholischen Sonntagsgottesdienst vorgelesen wird, erinnert heute daran:

„Ihr seid das Licht der Welt. Es ist unmöglich, dass eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, verborgen bleibt. Man läßt auch nicht eine Lampe brennen und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter, so wird sie allen im Haus leuchten. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ 

Vor Tagen besuchte ich eine hochbetagte Frau im Krankenhaus. Es war ein heller Tag. Das Sonnenlicht flutete buchstäblich ihr Krankenbett. Mehr noch. Ihr Gesicht leuchtete im Glanz der Sonne. Hochbetagt, mit vielen Falten. Sie erzählte voller Dankbarkeit aus ihrem Leben. Von ihrer großen Liebe. Ihren Kindern. Enkeln und Urenkeln. Ihr Leben war nicht immer schön. Es war viel Schweres dabei. Der Krieg. Die Flucht. Das Kind, dem sie ins Grab nachschauen musste. Doch eines war immer, sagte sie mir mit feuchten Augen: Das Gefühl getragen zu sein. Von guten Menschen und mehr noch vom treuen Gott. Ich schwieg nur. So wie damals die Kinder meiner Grundschulklasse im Morgenkreis.

Ich gebe zu, in mir ist es oft auch finster. So viel gibt es da, was mein Leben schwer macht. All die Enttäuschungen. Schicksalsschläge. Angst und Sorgen, wenn ich an meine und die Zukunft meiner Kinder denke. „In meine  Finsternis, meine dunkle kleine Welt, gibt Gott einen Hoffnungsschimmer“. So sagen es Menschen, die sich Gott anvertrauen. Die Geschichte aus den Philippinen vom König und seinen zwei Söhnen erinnert mich daran, welche Kraft der Schein einer Kerze haben kann.

Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer verfasste zu Weihnachten 1943 im Angesicht seines gewaltsamen Todes ein Gebet für seine Mitgefangenen. Sein Gebet ruft zu einem Blickwechsel auf, weg von den schlechten Gedanken und hin zu dem, was gut tut. Licht zu sehen und Licht zu bringen. Sich in Krisenzeiten daran zu erinnern, was man alles an Gutem im Leben schon erfahren hat. Was mir früher schon einmal geholfen hat, und wie reich mein Leben oft ist. Sein Gebet gibt mir Kraft:

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen, hilf mir beten und meine Gedanken zu sammeln.
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe.
Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld.
Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43819
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