Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
In meinem glänzenden Charlston Kleid mit Fransen, den schwarzen Satinhandschuhen, meiner Federboa und den Stiefeletten fühle ich mich lebenslustig und wunderschön. Heute an Weiberfasching kann ich mit meiner Verkleidung ganz leicht zeigen, wer auch noch in mir steckt. Im Alltag sieht man das nicht auf den ersten Blick, wenn ich in Jeans und Pullover durchs Leben gehe.
Deswegen mag ich Fasching. Ich schlüpfe in eine Rolle und verändere damit meinen eigenen Blick und den Blick der anderen auf mich. Denn, das was direkt vor Augen steht, verleitet leicht zu einem Urteil.
Das erlebt auch Samuel. Die Bibel erzählt von ihm. Samuel ist ein Prophet. Propheten haben eine besonders enge Beziehung zu Gott und die Aufgabe, den Menschen zu erzählen, was sie von Gott gehört haben. Aber diese Aufgabe hat es in sich: Gott will, dass Samuel den nächsten König für Israel salbt und so gibt Gott Samuel den Auftrag: „Geh zu Isai. Einer seiner Söhne wird der neue König.“ Doch Isai hat 8 Söhne. Schon als er den ältesten Sohn sieht, denkt Samuel: „Der wird es sein. Der ist groß und stark. Aber Gott mahnt ihn: „Lass dich nicht von seinem Aussehen beeindrucken, ihn habe ich nicht gemeint. Du musst wissen, Samuel: „Ich sehe nicht so, wie ihr Menschen seht. Ihr seht, was euch vor Augen steht, ich sehe ins Herz der Menschen.“ Und so salbt Samuel schließlich David, den Jüngsten, den Hirtenjungen mit den schönen Augen. Auf den ersten Blick erscheint er Samuel verträumt und klein. Aber Gott sieht in ihm den nächsten König.
Heute ist Weiberfastnacht und ich bin heute eine Charlston Tänzerin mit Federboa und kurzem Kleid. Aber ich war auch schon eine lustige Clownin mit einem bunt geschminkten Gesicht oder ein Blumenmädchen mit verträumten Augen. All das steckt in mir und im Alltag sieht man davon oft gar nichts.
Fasching durchkreuzt die normalen Sehgewohnheiten. Es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Lass dich nicht direkt leiten von dem, was du siehst. Vielleicht steckt in einer Tänzerin auch eine Pfarrerin und in einem Hirtenjungen ein König.
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