SWR Kultur Wort zum Tag

03FEB2026
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Wenn ich mich in einem Geschäft umschaue, wo es religiöse Gegenständen zu kaufen gibt, dann stoße ich auffällig oft auf ein Motiv, das ich seit meiner Kindheit kenne:
„Die betenden Hände“. Als geschnitztes Relief, als Wandbehang oder auch als Zeichnung. Mittlerweile sind „Die betenden Hände“ auch schon als Tattoo weit verbreitet. Zwei Hände zum Beten – Handfläche an Handfläche aneinander gelegt.
Das Motiv hat Albrecht Dürer im Jahr 1508 gezeichnet. Ursprünglich so groß wie ein DIN A 4 Blatt. Man weiß auch: Es sind die Hände seines besten Freundes. Der hatte schwere Handarbeit zu leisten.

Dürers „Betende Hände“ sehen aus wie eine anatomische Zeichnung. Man kann Haut und Knochen und Gelenke erkennen, genauer als auf jeder Fotografie. Mein Blick blieb eigentlich nie länger daran hängen. Niemals wollte ich dieses Motiv in irgendeiner Form erwerben – und schon gar nicht bei mir aufhängen. Doch in letzter Zeit fasziniert es mich: Eine anatomische Zeichnung. Und sie ist doch zugleich viel mehr als das.

Für mich hat Dürer eine religiöse Urszene festgehalten.Die Fingerkuppen der Hände berühren sich. Das ist eine Geste, die mir sagt: Jetzt geht es nicht darum, etwas in die Hand zu nehmen. Nicht nach außen gerichtet aktiv werden. Schon gar nicht etwas in Besitz nehmen oder erobern. Wenn sich meine Hände so berühren, dann gebe ich alles aus der Hand, weg von meinem sonst unentwegt betriebsamen Machertum.
Für mich ist das auch eine Geste der Demut. Ich nehme mich bewusst zurück. Lege ich so die Hände aneinander, nach oben gerichtet – dann spüre ich: Ich bin bei mir – ohne Ablenkung – um nun im Gebet vor Gott mein Herz zu öffnen.Mein Danken, mein Flehen, meine Fragen und Klagen – alles das kann ich im Gebet in dieser Haltung intensiv ausdrücken.

Katholisch sei diese Haltung, haben mir viele gesagt. Kann sein. Wenn ich mich in protestantischen Kirchen so umschaue, sehe ich wirklich nur wenige Menschen, die in dieser Haltung beten. Da werden die Hände gefaltet. Doch ganz gleich – ob so oder so: Ich brauche betende Hände ineinander oder aneinander. Sie suchen sich förmlich, wenn ich beten will.

Beides bestärkt und fördert nämlich das, was der Betende in Psalm 62 so sagt:
„Meine Seele ist still zu Gott, ... Ich schütte mein Herz vor ihm aus – denn er ist meine Hoffnung.“ (Psalm 62,2,8,9 und 6)

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