SWR4 Sonntagsgedanken

01FEB2026
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„Wer wohl in fünf Wochen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg gewinnen wird? Und neuer Ministerpräsident wird?“ Mit der Frage lässt sich gerade ganz wunderbar ein Gespräch anfangen, habe ich festgestellt. Zum Beispiel, wenn mir irgendwo eine Bekannte begegnet oder sogar, wenn ich beim Spaziergang mit meinem Hund auf andere Hundebesitzer treffe. Das Thema ist allgegenwärtig: Die Wahlplakate am Straßenrand werden gerade immer mehr. Sie werden auch immer größer und präsentieren die Kandidaten fürs Ministerpräsidentenamt – den nächsten „starken Mann“ fürs Länd’le. In Rheinland-Pfalz sieht es wahrscheinlich ganz ähnlich aus, weil hier zwei Wochen später ja auch Landtagswahl ist.

Bisher bin ich mit meiner Frage allerdings eher auf resigniertes Achselzucken gestoßen – wenn’s gut läuft. Wenn‘s weniger gut läuft, dann fängt mein Gegenüber zu schimpfen an: Über „die da oben“ und dass von denen doch eh keiner was zu Wege bringt: die Grünen, die CDU, die SPD… Alles das gleiche. AfD -  auch nur nervig... usw. „Aha“ denke ich mir dann, „offensichtlich kein starker Mann in Sicht.“ In dieser Ratlosigkeit spüre ich aber auch, dass sich viele Leute nach so jemandem sehen: nach jemandem, der einem wenigstens das Gefühl vermittelt, er hätte neue, frische und klare Ideen - und könnte sie auch alle durchsetzen.

Das ist ja nicht nur in der Politik so. Und auch ich würde gerne mal jemandem einfach hinterherlaufen – auch bei ganz banalen und nebensächlichen Dingen. Zum Beispiel wenn mir jemand verspricht: „Mach genau diese Diät, und Du wirst mühelos wieder in deine Lieblingshose passen – ohne zu Hungern natürlich….“ Oder in Blick auf meine Arbeit als Pfarrerin und die Zukunft meiner Kirche: Da wäre es schon toll, wenneiner garantieren könnte: „Genau so muss man einen Gottesdienst machen, und schon sind sonntags die Kirchenbänke wieder voll.“  Das wäre schön – ist aber nun mal völlig unrealistisch! Für nichts auf der Welt gibt es das EINE Rezept oder den EINEN starken Mann, der alles im Griff hat und den einen richtigen Weg kennt. Bei meinen Alltagsproblemen nicht, und wenn es um Macht und Politik geht, schon gar nicht. Da kann die Sehnsucht nach einem starken Herrscher an der Spitze sogar richtig gefährlich werden.

Wenn ich nur an Putin in Russland denke oder an Donald Trump, wie er sich in den USA aufführt und im Rest der Welt gleich mit... Solche Anführer sind brandgefährlich. Und um ihnen etwas entgegenzusetzen, braucht es viel Kraft. Kraft, die auch aus dem christlichen Glauben kommen kann.

Es ist eben noch nie etwas Gutes dabei herausgekommen, wenn Menschen bereit sind, irgendeinem Anführer bedingungslos hinterher zu laufen. Auch nicht in biblischen Zeiten zur Zeit des römischen Reiches. Damals hat der römische Kaiser sich für den einen „starken Mann“ gehalten, hat sich verehren lassen wie ein Gott und hat sich zum Maß aller Dinge erklärt. Aber damit ist er in den ersten Christlichen Gemeinden auf Widerstand gestoßen. Überall im Reich sind die damals entstanden. Und für ihre Mitglieder war klar: Das Maß aller Dinge ist allein Jesus Christus. Und dass sich selbst der Kaiser an Christus messen lassen muss – weil er ein Mensch ist, wie jeder andere auch.

Das ist der Maßstab, der für uns Christen bis heute gilt. Und wenn wir den an die Herrscher unserer Tage anlegen, dann bringt das Klarheit, denke ich: ob sie am Boden geblieben sind, Mensch geblieben sind – oder ob sie sich einfach „gottgleich“ durchsetzen wollen.

In vielen evangelischen Gottesdiensten ist heute ein Text aus dem Buch der Offenbarung, der Apokalypse zu hören, der damals bei den Christen in Umlauf gewesen sein muss. In diesem biblischen Buch schildert der Verfasser Johannes eine Vision von Jesus Christus. Er sieht ihn auf seinem himmlischen Thron sitzen. Und Jesus sagt dort von sich : „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Den ersten Christen hat das Kraft gegeben. Für sie war klar: Der Kaiser ist auch nur ein Mensch. Wie jeder Herrscher und wie jede Regierung – damals und heute. Und steht wie alle anderen auch vor dem Thron von Jesus Christus. Dem einzigen und wahren Maß aller Dinge.

Ein Gedanke, der auch für die Landtagswahlen bei uns gut passt, finde ich: Weil er hilft zu verstehen, warum Demokratie keine „Heilsbringer“ kennt. Stattdessen tragen in einer Demokratie alle die Verantwortung auf der Suche nach einem „starken Mann“ oder einer „starken Frau“. Stark darf eine Regierung ja ruhig sein. Bloß bitte nicht allmächtig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43795
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