Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.“ Das ist mal eine Ansage! Sie stammt aus dem Gedicht „Was keiner wagt…“ von Lothar Zenetti. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden. Zenetti war Priester, Lyriker, politisch hellwach – und unbequem. Einer, der nicht nur fromm gedichtet, sondern genau hingeschaut hat: auf Kirche, Gesellschaft und auf sich selbst. Seine Texte sind kein spirituellen Wattebällchen. Sie fordern heraus. Auch dieses Gedicht.
„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.“
Zenetti wusste, wie schwer das ist. Er hat erlebt, wie viel Mut es kostet, den Mund aufzumachen – gerade dann, wenn man aneckt. Für ihn war klar: Christsein heißt nicht, sich wegzuducken. Sondern Haltung zu zeigen. Und dann heißt es:
„Was keiner liebt, das wagt zu lieben.“
Das ist kein netter Kalender-Spruch Das ist ein Lebensprogramm. Und ehrlich gesagt: ziemlich anstrengend. Denn es geht um Menschen, die keiner auf dem Schirm hat. Die nerven. Die stören. Genau da wird’s ernst. Jesus hat genau so gelebt. Er hat einen aussätzigen Menschen berührt – obwohl man Abstand von ihm halten sollte. Er hat Zachäus besucht, den Zöllner, den alle verachtet haben. Und er hat sich schützend vor eine Frau gestellt, die andere am liebsten gesteinigt hätten. Jesus hat geliebt, wo andere längst aufgegeben hatten. Schließlich dichtet Zenetti:
„Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.“
Zenetti war überzeugt: Glaube bleibt leer, wenn er nicht ins Handeln kommt. Für ihn war dieses Gedicht so etwas wie eine Gebrauchsanweisung fürs Christsein. Nicht perfekt sein. Aber mutig. Nicht laut reden. Sondern tun. Vielleicht ist genau das der Kern dieses Gedichts: Fang an. Warte nicht darauf, dass alle mitmachen. Manchmal reicht einer, der den ersten Schritt wagt.
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