SWR4 Abendgedanken
„Mir ist langweilig. Laaangweilig!“ hat meine kleine Enkeltochter letztens gestöhnt. Und dabei hatten wir uns doch den ganzen Tag über ein Programm für sie ausgedacht. Einen Ausflug, gemeinsames Kochen, ein Brettspiel. Aber jetzt gab es einmal für ein paar Minuten kein Programm und gleich war es meiner Enkeltochter langweilig. Ich kann mich nicht erinnern, ob mir als Kind auch öfter langweilig war. Aber ich habe den Verdacht, dass Langeweile ein relativ modernes Phänomen ist. Früher hatten die Menschen den ganzen Tag über zu tun. Vom Aufstehen bis zum Zu-Bett-Gehen gab es so viele Dinge, die erledigt werden mussten. Und wenn es dann mal nichts zu tun gab, dann waren sie oft froh über diese Pause und nannten es „Muße“. Muße war etwas Gutes, weil etwas Seltenes. Muße, das Wort stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet so viel wie „Ruhe“ oder „arbeitsfreie Zeit.“ Muße heißt also: Ich kann mich mal einen Moment hinsetzen, darf durchatmen und zur Ruhe kommen.
Heute ist die Muße aus der Mode gekommen. Dafür gibt es jetzt die Langeweile. Und die Langeweile ist nichts Gutes wie es früher die Muße war. Die meisten Menschen versuchen Langeweile zu vermeiden. Dafür gibt es ja auch viele Möglichkeiten. Fernsehen, Filme streamen oder sich stundenlang mit dem Handy beschäftigen – das alles hilft, dass erst gar keine Langeweile aufkommt.
Bei Psychologen habe ich gelesen, dass Langeweile aber etwas sehr Wichtiges ist. Oder eben Muße. Einfach mal nichts tun. Das Gehirn braucht solche Zeiten, sagen sie, damit es sich von den vielen Eindrücken erholen kann, die ununterbrochen auf es einstürmen. Ohne Ruhepausen kann ich das gar nicht mehr alles verarbeiten. Nichtstun fördert auch die Kreativität. Ich bekomme nur neue Gedanken und Ideen, wenn ich nicht ständig beschäftigt und abgelenkt bin. Solche Zeiten der Langeweile oder Muße helfen mir schließlich auch, mich selbst wieder besser wahrzunehmen. Ich brauche das Nichtstun, um mit mir, meinen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu kommen. Und schließlich hilft das Nichtstun, die Muße, auch um mit Gott in Kontakt zu kommen. Psychologen sagen: Muße oder Langeweile ist eine Tür zur inneren Welt. Wenn ich durch sie hindurchgehe, begegne ich mir selbst und Gott. Darum brauche ich immer wieder Zeiten der Muße oder dass mir einfach auch mal langweilig ist.
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