SWR Kultur Lied zum Sonntag
Ich erlebe immer wieder: Manche Lieder haben ihre Zeit. Die singe ich oder höre ich und dann verschwinden sie wieder für lange. Aber plötzlich tauchen sie wieder auf. John Lennons »Give peace a chance« höre ich in letzter Zeit immer wieder im Radio. Auch mit dem Lied »Friedensnetz« geht mir das auch so. Das habe ich als Jugendlicher gesungen. Der Refrain war für mich wahr. Ja, wir zu Hause, bei den Pfadfindern, aber auch überall auf der ganzen Welt, wir „knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, ein Friedensnetz.“ Und wir haben das auch gemacht im Gottesdienst. Netze geknüpft, uns verbunden, Frieden geteilt.
Musik
Heute denke ich: Warum habe ich bei den Strophen eigentlich so wenig zugehört? Da steht schon alles drin, was auch heute Sorgen macht. Dass Menschen gucken, wie sie das meiste aus ihrem Netz holen können. Dass viele nur ihren Fang im Blick haben. Nur das sehen, was für sie rausspringt. Klingt sehr moralisch – ist es auch. Ich erlebe das vor allem auf staatlicher Ebene: Krieg wird geführt – für die eigenen Interessen. Um das eigene Netz vollzumachen. Sich verbinden, gemeinsam an einem Netz knüpfen, den Frieden einfangen? Fehlanzeige.
Musik
Frieden, das scheint im Moment gängige Meinung zu sein, Frieden ist ein naiver Gedanke. Der Krieg in der Ukraine, die jahrzehntelangen Konflikte im Nahen Osten, die imperialen Gelüste der USA, die machen deutlich, dass es viele gibt, die an Frieden nicht interessiert sind. Davon spricht auch der Song »Friedensnetz«. Denn der cantus firmus in diesem Lied ist die Frage: „Wer denkt da an Frieden? Wer denkt an Shalom?“ Und wenn das Christinnen und Christen singen, dann erinnern sie daran, dass auch der christliche Glaube oftmals unfriedlich war: Im Namen des Glaubens wurden Andersglaubende getötet, Kriege geführt, Menschen versklavt und verfolgt. Frieden, das heißt auch, seine eigene Schuld in den Blick zu nehmen. Die gerissenen Fäden anzusehen, die man selbst hinterlassen hat.
Musik
Die Musik von Peter Janssens zu dem Text von Hans-Jürgen Netz bringt die ganze Zerrissenheit in Sachen Frieden auf den Punkt: Ich höre Anklänge an jüdische Volksmusik, höre den unruhigen Rhythmus, die Wechsel im Tempo. Dass der Frieden eben aus dünnen Fäden gewoben wird, reißen kann, das fängt die Musik ein. Und wird zugleich von einem unglaublichen Optimismus getragen: Immer dann, wenn es zum Refrain geht, denke ich, Ja, Frieden muss doch möglich sein.
Musik
Friedensnetz ist ein Hoffnungssong. Den ich mir und anderen zusingen kann. Der die Hoffnung weiterträgt, dass es bei allem Unfrieden eben auch Menschen gibt, die unbeirrt am Shalom, am Frieden arbeiten. Die im Alltag Frieden machen: Ein freundlicher Gruß im Straßenverkehr, ein Lächeln in der Straßenbahn, ein Anruf, der dem anderen das Herz wärmt. Überall lässt sich dieses Netz des Friedens knüpfen.
Text: Hans-Jürgen Netz (1975)
Melodie: Peter Janssens (1975)
Musik
01 Peter Janssens, Meine Lieder (von: Das Gesangsorchester Peter Janssens), In:
Peter Janssens Musik Verlag, Telgte, CD 1074 (1994), LC 4679
02 Lieder Zum Mitsingen(mit Peter Janssens Gesangsorchester); tvd Verlag Düsseldorf, tvd 7903 (1979), LC 5648
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