Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
So früh am Morgen denke ich: Das wird wahrscheinlich wieder ein ganz gewöhnlicher Tag heute. Ähnlich wie der gestern oder vorgestern. Das geht sicher vielen von ihnen genauso. Aufstehen und Zähneputzen, Frühstücken und zur Arbeit. Oder sich um Kinder kümmern, einkaufen, kochen. Aber auch zu Hause sein, sich um alles kümmern, was so anliegt.
Klingt ziemlich langweilig, wenn ich das so aufzähle. Kann auch so sein. Wenn was immer gleich abläuft, immer ähnlich ist, dann droht die Langeweile. Deshalb gilt für viele auch: Nur das Neue, das Überraschende, das Andere, das ist interessant und spannend.
Aber ich erlebe auch: Es tut gut, wenn sich Abläufe und Dinge wiederholen, wenn etwas vertraut ist. Ich brauche dann gar nicht nachzudenken. Morgens Zahnpasta auf die Bürste und putzen, das kann ich sogar, wenn ich fast noch schlafe. Mein Fahrrad findet quasi den Weg zum Arbeitsplatz von allein. Ich laufe, ohne lange nachzudenken zum Supermarkt. Leben auf Autopilot. Zum Glück. Denn es wäre ja auch anstrengend, wenn alles immer neu und unbekannt ist. Ist etwas vertraut und selbstverständlich, dann gibt mir das Sicherheit.
Deshalb setzen auch die Religionen der Welt auf die Kraft der Wiederholung. In Ritualen und Gottesdiensten wiederholen sich Texte, Melodien, Handlungen. Das gibt Sicherheit. Und verbindet die Menschen. Weil alle wissen, wie ein Gottesdienst abläuft. Oder wie das Vater unser geht.
Gerade in der Routine – im Alltag und im Glauben – steckt zudem die Möglichkeit, dass ich überhaupt erst etwas Neues wahrnehme. Weil ich den Weg zur Arbeit ohne nachzudenken fahre, sehe ich das schimmernde Eis an den Bäumen. Weil ich einfach so die Zähne putze, fällt mir plötzlich eine Lösung für mein Terminproblem ein. Erst die Routine, das Vertraute macht einen ganz gewöhnlichen Tag offen für das Ungewöhnliche.
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