SWR4 Abendgedanken
„Das machen Sie aber schön“ – sagt ein Mann im Vorbeigehen, während ich den Gehweg kehre. Was auch immer er meint – ich sage „Ja, danke“ und freue mich so vor mich hin.
Eigentlich mag ich das Saubermachen vom Gehweg ja nicht so wirklich. Aber kaum bin ich draußen, geht es mir gut. Ich bewege mich in der frischen Luft, draußen wird es mal wieder sauber, und meistens ist es recht kurzweilig. Denn da ist immer was los. Eltern kommen mit ihren Kindern vom Kindergarten. Nachbarn sprechen ein paar Worte mit mir. Immer wieder kommentieren auch fremde Menschen meine Arbeit. Meistens sind sie freundlich und wollen mich ermuntern. Sie meinen es meistens nett.
Diese kurzen Gespräche wirken auf besondere Weise. Sie sind ein kleiner Farbtupfer im Alltag. Eine Mini-Begegnung - ohne sonstige Verpflichtung. Kleine Augenblicke Lebendigkeit. Aber mit langer Wirkung. So fühle ich das schon seit Jahren.
Und dann lese ich auf einmal in der Zeitung über die Menschen in Norwegen. Die machen es ähnlich. So überstehen sie die lange Zeit des Winterdunkels, wenn es gar nicht wirklich hell wird in ihrem Land. Darin sind sie Experten: Sie wissen, dass es warmem Tee braucht, warme Decken, warme Kleidung. Aber sie wissen auch, wie wichtig das Rausgehen ist. Und die kleinen Gespräche. Ob es kalt ist, ob der Himmel grau ist – egal: man muss jeden Tag raus an die frische Luft. Raus aus der gemütlichen, aber auch einsamen Höhle. Das Draußen angucken. Gucken, wen man sonst noch trifft. Bereit sein für Mini-Begegnungen: Mit der Kassiererin einen freundlichen Gruß wechseln. Kurz die Nachbarn ansprechen. Dem Paketboten danken. Ein nettes Wort über den Zaun rufen. Sich ansprechen lassen. Lauter wichtige Mini-Begegnungen gegen den Winterblues und auch gegen Einsamkeit.
Diese kleinen Kontakte ersetzen keine tiefen Freundschaften. Das wollen sie auch gar nicht. Aber viele andere Menschen sind immer in der Nähe. Für die Mini-Begegnungen. Für zwei, drei Sätze. Für das Gefühl: Ich werde gesehen, ich bin noch da, ich sehe andere. Und um ein paar Worte zu wechseln.
Es sind belebende Alltagskontakte, beiläufig und dennoch ganz und gar nicht oberflächlich. Wir Menschen brauchen das. Unsere Seelen brauchen das. Und danach kann ich gut wieder zurückkehren in meine eigenen vier Wände.
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