Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Wenn ich morgens die Zeitung aus dem Briefkasten hole, habe ich einen genauen - ja fast schon ritualisierten Ablauf, wie ich sie lese. Erst überfliege ich die Überschriften auf der ersten Seite. Dann durchstöbere ich den regionalen Teil.
Bevor ich zum eher unterhaltsamen „Zeitgeschehen“ komme, lese ich aber zunächst die Traueranzeigen – immer. Dafür nehme ich mir Zeit, auch wenn es dann für den Rest der Zeitung nicht mehr reichen sollte.
Vielleicht klingt das seltsam, aber dieses Ritual, jeden Morgen die Todesanzeigen zu lesen, gibt mir Kraft für den Tag – denn der Gedanke, dass auch mein Leben endet, gibt mir auch eine Form von Gelassenheit und macht so manche Ereignisse etwas weniger wichtig.
Die kleinen und großen Geschichten, die sich hinter den Traueranzeigen verbergen, kann ich nur erahnen. Da reicht dieser kurze Moment. Und das sortiert neu, ordnet die Wichtigkeit – lässt mich an meine Lieben denken.
Wenn ich dann ins Auto steige und zur Arbeit fahre, bin ich dankbarer für das, was ich habe. So manche Aufreger der Tage zuvor werden kleiner. Nicht mehr so unendlich weltbewegend – ich kann vieles besser einordnen und damit umgehen.
Und – das Lesen der Todesanzeigen - verändert auch meine Wünsche und Träume. Plötzlich ist der Wunsch, z.B. eine besondere Reise zu machen, deutlich kleiner, denn die Lektüre der Traueranzeige führt immer zu Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was ich habe, was ich jetzt schon habe.
Der Wunsch oder gar die Sucht, noch unbedingt irgendetwas erleben zu wollen oder unbedingt sehen oder besitzen zu müssen, ist weg. Stattdessen ist da Ruhe, durch dieses kurze Gefühl, die kurze morgendliche Erkenntnis, wie zerbrechlich das Leben ist.
Dass ich um meine Endlichkeit weiß, macht mir dann keine Angst, sondern schafft mir Ruhe und zeigt mir, was mir wirklich wichtig ist. Das hilft mir entspannter in den Tag zu starten.
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