Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Seit vergangenem November begleitet mich ein Video. Genauer gesagt seit dem Ewigkeitssonntag, dem Tag, an dem wir an unsere Verstorbenen denken. Ich habe das Video an diesem Tag in einem Whatsapp Status gesehen. Es zeigt wie sich jemand auf den Weg macht hin zu einem Friedhof und welche Möglichkeiten es gibt an seine Toten zu denken: mit einer Blume die man in die Vase auf dem Grab steckt neben einem Kreuz oder mit einem Stein, den man auf das Grabmal legt.
Ein wunderbares Video voller Liebe und Anmut, das die Menschen, die gestorben sind ganz nah heran holt und doch der Trauer Raum lässt.
Dieses Video hat in mir eine Erinnerung geweckt an einen Weg, den ich vor Jahren gegangen bin. Er führte in einen Hinterhof. Ich war ein junger Pfarrer und wurde eingeladen, einen Bestatter zu besuchen. Nachdem ich durch das alte Sandsteintor getreten bin, konnte ich weiter hinten ein Backsteingebäude sehen, bewachsen mit Efeu und wildem Wein – schon in herbstlichen Farben.
In dem Gebäude war es angenehm warm, das Licht war gedämpft, zwei, drei bequeme Stühle standen bereit und in der Mitte war Platz, um einen Sarg abzustellen.
Der ganze Raum lud dazu ein, da zu bleiben. Es war ein Raum, der zu mir gesprochen hat: „Nimm dir Zeit, du darfst hier bleiben so lange du willst. Du bist nicht allein, du musst deinen verstorbenen Menschen hier nicht allein lassen. Bleib und trauere, spüre die Liebe und den Verlust.
Und dann gehe in deinen Alltag. Traurig, aber vielleicht auch ein bisschen getröstet. Behütet und begleitet von Gott, der Leben und Sterben in seiner Hand hält. Der dich und deine Lieben verbindet durch Raum und Zeit!“.
Sie sind mir wichtig geworden, die Räume und Dinge, die mich einladen, das Leben und das Sterben zu bedenken. Die eine Brücke schlagen zwischen unserer Welt und der großen Welt Gottes, in der wir miteinander verbunden sind über Zeit und Raum hinweg.
Seitdem bin ich immer auf der Suche nach solchen sprechenden Räumen. Und – zum Glück – werde ich immer wieder fündig: besonders in Kirchen, Klöstern, Abschiedsräumen und Aussegnungshallen.
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