SWR1 3vor8

25JAN2026
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Die Bibel erzählt, dass Gott uns Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat. Und Jesus unterstreicht das nochmal: In jedem Menschen, der dir begegnet, begegnet dir Gott höchstpersönlich. Manchen Menschen will ich aber gar nicht begegnen. Ich lebe ganz bequem in meiner kleinen Welt zusammen mit denen, die meine Meinungen und Werte teilen. Ich denke: So kann es bleiben, ziehe deshalb manchmal eine schützende Mauer um meine Welt – und merke es nicht mal. Dann zeigt Gott mir sehr humorvoll, dass seine Welt weiter ist als meine Grenzen.

Neulich wieder: Mein Mann und ich haben in Frankfurt einen alten jüdischen Friedhof besichtigt. Zurück auf der Straße sind uns zwei Tätowierte entgegengekommen, mit Kampfhund an der Leine. Sofort war ich auf Rückzug hinter meine innere Mauer. Nur schnell vorbei an denen. Aber die beiden sind stehen geblieben, haben uns angesprochen – freundlich und neugierig. Was denn das für ein Friedhof hier sei, auf dem so viele Grabsteine umgefallen sind. Und sie haben interessiert zugehört, was wir zu erzählen hatten darüber, dass er in der Zeit des Nationalsozialismus verwüstet worden ist. Weg war sie, meine innere Mauer. Oder wenigstens habe ich mal drüber geschaut. Und habe mal wieder gelernt: Gottes Welt ist weiter als meine Grenzen.

Gott zeigt auch dem Apostel Petrus sehr humorvoll, wie eng seine Grenzen sind. Kurz vor dem Mittagessen schickt Gott Petrus einen Tagtraum: Petrus sieht den Himmel offen und sein Mittagessen auf einem Tischtuch herabschweben. Aber Gott serviert ihm etwas, das er als frommer Jude nie essen würde. Tiere, die als unrein gelten: Schweine, Meerestiere, Schlangen – Petrus schüttelt es vor Ekel und sofort verkriecht er sich hinter die innere Mauer. Aber Gott fordert ihn nachdrücklich auf: „Iss! – Was ich rein gemacht habe, das sollst du nicht unrein nennen!“ (Apostelgeschichte 10,15) – Zum Glück ist dieser Tagtraum bald vorbei, aber damit noch nicht Gottes Lehrstunde zur inneren Grenzöffnung für Petrus. Direkt danach lädt ihn ein römischer Hauptmann mit Namen Kornelius in sein Haus ein. Das unreine Haus eines Nicht-Juden hätte Petrus als frommer Jude bis gestern nicht betreten – es hätte ihn geschüttelt vor Ekel. Aber jetzt versteht er: Wen Gott rein gemacht hat, den darf ich nicht unrein nennen. Ich soll Gott begegnen, in diesem Menschen, in Kornelius. Ja, Gottes Welt ist weiter als meine Grenzen.

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