SWR Kultur Wort zum Tag

23JAN2026
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Rilke, wohin man sieht. Gerade erst haben im letzten Jahr zahlreiche Seminare an Universitäten, Gesellschaften und Zeitungen das Jubiläum zum 150. Geburtstag des großen Dichters gefeiert. 2026 schließt sich nahtlos das Gedenkjahr zu Rilkes 100. Todesjahr an.

Ich weiß noch, wie wir in der Schule so manches Gedicht von ihm gelernt haben. Wir mussten dann das Versmaß untersuchen und die richtigen Betonungen unterstreichen. Zu Rilke selbst habe ich mir damals gemerkt: er stammte aus Böhmen und war Katholik. Und mittlerweile weiß ich, wie zentral der christliche Glaube für ihn gewesen ist. Rilke hat mit dem Christentum gerungen. Vor allem die Person Jesus Christus als Sohn Gottes war für ihn gedanklich schwer zu anzunehmen.

Zeit seines Lebens ist Rilke dennoch in der Auseinandersetzung mit den Texten des Alten und Neuen Testaments geblieben. Er hat über den Glauben nachgedacht, über Gott. Und Rilke hat von Gott gesprochen. Das spiegelt sich in seinen Gedichten wider. Rilke hat für viele Anlässe gedichtet: Feste, Jahreszeiten, Gedanken zum Leben und seinem Ende. Auch zum neuen Jahr hat er Zeilen aufgeschrieben. Das Gedicht beginnt so:

„Wir wollen glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist“.
Das gefällt mir. Vor allem ein Wort macht mich nachdenklich: „gegeben“. Für die Geschichte des Christentums ist das ein wichtiger Gedanke. Schon immer haben sich Menschen damit auseinandergesetzt, in welchem Verhältnis unser Handeln zum Handeln Gottes steht. Das Wort „gegeben“ betont die Passivität des Menschen dabei. Ein schwer zu vermittelnder Gedanke in unserer Zeit, in der die Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmung des Menschen für sein Leben oft an erster Stelle stehen.

In einem Brief hat Rilke auf die Frage, ob er an Gott glaube, einmal entschieden geantwortet: mit menschlichem Bemühen sei das überhaupt nicht möglich. Stattdessen müsse man damit rechnen, dass Gott sich in „unbeschreiblicher Hinreißung“[1] eröffnet. Als Evangelische hört sich das für mich vertraut an: Der Glaube ist mir geschenkt, er ist „gegeben“. Davon bin ich überzeugt. Das schließt mein Ringen mit dem Glauben und mit Gott ein. Auch der Zweifel ist gegeben. Ich versuche, im Gespräch mit Gott zu bleiben. Zu beten. Auch wütend und kritisch.

Dabei sind mir Rilkes nachdenkliche Gedichte eine Stütze. Manches jedenfalls liest sich wie ein Gebet. Auch das zum neuen Jahr:
„Wir wollen glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist“.

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[1] Zitat: Aus einem Brief Rilkes an Anita Forrer, 22.-24. März 1920. Nachzulesen in: Rainer Maria Rilke – Anita Forrer, Briefwechsel, hrsg. v. Magda Kerény, Frankfurt am Main 1982.

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