SWR Kultur Wort zum Tag
Und schon geht der Januar wieder seinem Ende entgegen. Dabei kommt es mir wie gestern vor, dass ich noch mit tausenden anderen Menschen im Fußballstadion in Mannheim Weihnachtslieder gesungen habe. Das war Mitte Dezember. Ich habe es da deutlich gespürt: Weihnachten rückt näher. Aber einmal geblinzelt und dann ist es auch schon wieder vorbei: das Warten, die Feststimmung, die Lieder.
Ich könnte es jetzt aber auch nicht mehr. Heute nochmal „Stille Nacht“ singen? Es käme mir seltsam vor. Dabei sind wir offiziell noch mittendrin: Weihnachten ist noch nicht vorbei. Zumindest gilt das für den kirchlichen Kalender. Dort dauert Weihnachten ganze 40 Tage lang. Heute ist also gewissermaßen der 29. Weihnachtsfeiertag. Der Hintergrund für diese Zeitrechnung steht im Lukasevangelium. Nach dem berühmten Bericht über Jesu Geburt wird in der Erzählung ein jüdisches Gesetz aufgegriffen. Es besagt: Eine Frau soll sich 40 Tage nach der Geburt eines Sohnes im Tempel rituell reinigen. In unserem Kalender fällt dieser Reinigungstag auf den 02. Februar. Manche sprechen auch von Mariä Lichtmess oder dem Tag der Darstellung des Herrn. Er beschließt den Weihnachtsfestkreis. Bis dahin ist noch ein bisschen Zeit.
Was zwischen der Beschneidung Jesu und dem Reinigungstag passiert, erfahren wir im Lukasevangelium nicht. Ich stelle mir vor, wie sich Maria und Josef auf die neue Situation als Eltern einstellen. Vermutlich erleben sie von Tag zu Tag viele „erste Male“. Der erste bewusste Blickkontakt mit ihrem Baby, der erste Spaziergang, die erste Angst um das eigene Kind.
Die Frage nach dem „zum-ersten-Mal“ passt gut zum Jahresbeginn. Welche „ersten Male“ habe ich 2026 bereits erlebt oder vielleicht überlebt? Das erste Erfolgserlebnis, der erste Streit des Jahres, der erste Januar ohne einen geliebten Menschen.
Vielleicht ist es diese Vergegenwärtigung des Anfänglichen, was von Weihnachten bleibt. Jesu Geburt markiert für Viele einen grundlegenden Beginn. Auch für mich. Darin finde ich all die kleinen und großen Anfänge aus meinem Leben wieder. Die, vor denen ich mich fürchte und die, die ich herbeisehne. Beides wird auch dieses Jahr mit sich bringen. Ich möchte es weiterhin versuchen: anfänglich zu leben. Neues auszuprobieren. Mich überraschen zu lassen. Herausforderungen annehmen … Und wer weiß: vielleicht gelingt in diesem Jahr zum allerersten Mal etwas, was bisher unmöglich schien. Das Jahr ist ja noch jung.
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