SWR Kultur Lied zum Sonntag
Es gibt Lieder, die tragen mehr Geschichte in sich, als man ihnen beim ersten Hören anmerkt. Das heutige Lied zum Sonntag gehört für mich dazu. „Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr.“ So beginnt es. Nicht laut. Nicht anklagend. Aber klar.
Musik 1: Anfang der 1. Strophe –
„Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr!
Zions Lied hab ich begraben in meinen Wunden groß.“
Gesungen wird dieser Text zu einer Melodie, die viele aus dem Film „Schindlers Liste“ kennen. Das Lied mit dem Originaltitel "Yerushalaim shel Zahav", auf deutsch "Jerusalem aus Gold", wurde 1967 von Naomi Schemer geschrieben.
Sie legt in ihr Lied ihr ganzes Sehnen und die Erinnerung an ein Jerusalem, das es damals nicht gab und bis heute nicht gibt. Bis 1967 war Jerusalem besetzt, durch eine Mauer geteilt, und die Juden durften die Jerusalemer Altstadt nicht betreten. Es sprach so vielen aus dem Herzen, dass es in Israel im gleichen Jahr zum Lied des Jahres gekürt und zu einer Hymne der Hoffnung wurde. Wir hören eine Stelle aus dem hebräischen Originallied.
Musik 2: Passage aus dem hebräischen Originallied "Yerushalaim shel Zahav"
Keine drei Wochen nachdem das Lied veröffentlicht wird, beginnt der Sechstagekrieg. Der Krieg verändert alles. Das Lied wird zum Schlachtruf und erreicht den Status einer inoffiziellen Nationalhymne.
Die Melodie ist dieselbe – aber der Klang ist ein anderer geworden. Shemers Lied wird nun zu einem Symbol für den Sieg.
Auch diese Geschichte gehört zum Lied und manche fragen sich vielleicht, ob es unter diesen Umständen überhaupt legitim war, das Lied abzuwandeln und in Kirchen zu singen.
Ich denke ja. Denn die Textdichterin Christine Heuser übersetzt die israelische Hymne nicht einfach ins Deutsche. Sie schreibt einen ganz neuen Text. Ein Text der nicht politisch vereinnahmt wurde, sondern meiner Meinung nach dem Lied eine andere und tiefe Botschaft schenkt.
Musik 3: 2. Strophe –
„Die Mauern sind aus schweren Steinen, Kerker, die gesprengt,
von den Grenzen, von den Gräbern aus der Last der Welt.
Die Tore sind aus reinen Perlen, Tränen, die gezählt.
Gott wusch sie aus unsern Augen, dass wir fröhlich sind.“
Auch Heusers Text erzählt von einer Sehnsucht, doch nicht nach einer politischen Heimat, sondern danach, bei Gott daheim zu sein.
In dem neuen geistlichen Lied wird Jerusalem, die freie Stadt, zu dem Ort, an dem sich die Sehnsucht aller erfüllt. Zur Oase für alle, die tiefe Wunden mit sich tragen. Zum Zuhause für alle, die heimatlos und vertrieben sind. Zu einem Fest für alle, die traurig sind, auf dass sie wieder fröhlich sein können.
Es sind starke Bilder, und mich tröstet die Vorstellung von einem Ort, an dem alle Tränen gezählt und aufgehoben sind, an dem Grenzen überwunden, und alle Kerker und Fesseln gesprengt sind, wie es im Lied heißt.
Doch das Entscheidende steht am Anfang:
„Ihr Mächtigen ich will nicht singen eurem tauben Ohr.“
Die Botschaft ist nicht für die, die sich sowieso schon mächtig fühlen und nicht zuhören. Befreiung kommt nicht von oben. Sondern von denjenigen, die die Augen offen halten, die hoffen, auch wenn das Ersehnte noch fern ist. Für sie ist das Versprechen, dass sie eines Tages ankommen werden und aufatmen können.
Musik 1: Refrain -
„In deinen Toren werd‘ ich stehen, du freie Stadt Jerusalem!
In deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied!“
Text: Christine Heuser
Musik: Naomi Shemer-Sapir, nach einem baskischen Wiegenlied
Musikquellen
- Musik 1: Band und Singgruppe Hoffnungsschimmer: Wandlung, 1996, Track 6, LC 0896.
Musik 2: Shuly Natan: ירושלים של זהב (Yerushalaim shel Zahav), 1967, Track 1, Hed Arzi Ltd, BMN-554.
Musik 3: Kölner Jugendchor St. Stephan: Weihnachten in der Kölnarena - Live, „Ihr Mächtigen“, M0042736 (AMS).
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43739