Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ist Ihnen auch schon einmal Ihr Feind abhanden gekommen? Klingt komisch, aber mir ist das schon passiert. Mein „Feind“ – oder besser gesagt, meine Gegenspielerin war eine ungeliebte Kollegin aus einer benachbarten Kirchengemeinde. In der Sache ging es um ein neues Konzept in der Konfirmandenarbeit. Ich wollte gemeinsam mit ein paar andere Kolleginnen und Kollegen in die eine Richtung – sie in die andere. Und das immer und immer wieder. Wir anderen haben uns regelmäßig über diese Störenfried-Pfarrerin aufgeregt. Kleine Lästereien bei der Kaffee-Pause in der Dienstbesprechung. Oder ein bisschen Tratsch bei einem Telefonat: „Hast du mitgekriegt, was Frau Kollegin Soundso jetzt wieder gemacht hat…?“
Irgendwann hat die ungeliebte Kollegin allerdings nachgegeben. Die neue Richtung hat sie wenigstens halbwegs überzeugen können. Wunderbar! Endlich ging es wieder vorwärts – aber unsere Kaffee-Pausen sind ab da verdächtig still geworden – wir hatten ja nichts mehr, um uns zu beschweren oder um zu lästern - ohne den gemeinsamen Feind. Und mussten plötzlich wieder konstruktiv zusammenarbeiten. Es ging einfach wieder „nur“ um die Sache.
Die Erfahrung hat mich gelehrt, wie verführerisch es sein kann, gemeinsam gegen etwas zu sein – oder gegen jemanden. Das schweißt nämlich zusammen! Mein Kollegenkreis und ich damals, wir waren wie eine Front. Aber in dem Moment, als der Streit vorüber war – als uns unser gemeinsamer Feind abhanden gekommen war - da haben wir gar nicht mehr gewusst, worüber wir noch reden sollten.
Wenn man sich miteinander austauscht und dabei auch etwas aufgestauten Frust rauslässt, ist das sicher kein Fehler. Aber wenn beim Ringen um die Sache Parteien entstehen und sogar verhärtete Fronten, dann ist das Blödsinn! Ein gemeinsamer Feind schweißt zusammen, keine Frage. Aber – dabei bleibt es dann halt auch.
Ich hoffe, dass mir das so leicht nicht wieder passiert. Denn es geht mir wirklich um die Sache – zum Beispiel um gute und moderne Konfirmandenarbeit. Da möchte ich meine Energie unterbringen – und um verhärtete Fronten aufzubrechen und eine Lösung zu finden – für alle.
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