Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27JAN2026
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Heute ist der Gedenktag für die Opfer des Holocaust zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland – und auch wenn es beschämend für mich ist gebe ich zu: Ich schrecke vor dem Gedenken zurück. Heute, 81 Jahre, nach der Befreiung des KZs von Auschwitz-Birkenau werden überall Gedenkveranstaltungen stattfinden. Und ich fürchte: Wenn die Nachrichten z.B. von der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag berichten, dann werde ich den Impuls unterdrücken müssen, umzuschalten - wegzuhören. Das ist wirklich beschämend. Aber ich spreche es aus, weil ich gern selbst verstehen möchte, warum das bei mir so ist. Und ich bin auch nicht die Einzige, die vor dem Gedenken zurückschreckt. Schon vor Jahren gab es Kritik an unserer Erinnerungskultur. Und Stimmen vom rechten Rand der politischen Landschaft haben gefordert, wir sollten uns lieber an das erinnern, worauf wir stolz sein können in unserem Land.

Mich und mein Zurückschrecken kann ich in solchen Aussagen aber überhaupt nicht wiederfinden - überhaupt nicht: Positives Erinnern gegen das Erinnern an Leid und Gewalt auszuspielen, das finde ich einfach nur schäbig. Und die Sehnsucht nach ein bisschen Nationalstolz und Selbstwertgefühl so zu missbrauchen. Als Rechtfertigung fürs Wegsehen zu missbrauchen. Fürs Vergessen.

Nein, da kann ich nicht mit. Und das ist auch nicht der Grund, warum ich vor dem Gedenktag zurückschrecke. Ich denke, er löst bei mir einfach das Gefühl aus, dass ich mich schlecht fühlen müsste oder sogar schuldig. Aber das stimmt ja gar nicht. Mich erinnern heißt ja eigentlich nur, mir Gedanken zu machen über meine kulturelle Herkunft. Über die Geschichte des Landes, in dem ich lebe und die mich geprägt hat – im Guten wie im Schlechten. Und darüber nachzudenken, heißt ja nicht, dass ich mich persönlich schuldig fühlen muss. Genauso wenig, wie ich stolz auf mich sein kann, weil in Deutschland das Auto erfunden wurde oder wegen des Wirtschaftswunders nach dem Krieg. Das alles ist ja nicht meine Leistung – genauso wenig wie ich persönlich schuld bin an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Aber ich werde schuldig, wenn ich die Erinnerung nicht wachhalte. Nicht laut ausspreche, was passieren kann, wenn Mitmenschlichkeit verloren geht. Und nicht stark mache, wie wichtig es ist, füreinander einzustehen. Die Geschichte meines Landes und die Erinnerung daran, die gibt mir etwas mit auf den Weg. Für den Weg nach vorn und die Geschichte, die vor mir liegt.

Übrigens: Seit 2018 ist der 27. Januar auch ein offizieller Gedenktag im evangelischen Kirchenjahr. Um vor Gott zu der Schuld zu stehen, die die Kirche damals auf sich geladen hat - um die Opfer und ihr Leid nicht zu vergessen – und um wach zu bleiben für einen menschenfreundlichen Weg in die Zukunft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43736
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