Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
In den Kirchengemeinden bei uns wird gerade oft die Frage diskutiert: Was können wir anbieten, was können wir machen, damit es den Menschen bei uns vor Ort auch was bringt? Hausaufgabenbetreuung zum Beispiel, für Kinder, die nicht so leicht Zugang dazu haben. Oder Single-Treffs anbieten: gemeinsame Spaziergänge oder Nachbarschaftstreffs als Hilfe gegen Einsamkeit. Ja, was sollten wir anbieten? Darüber habe ich mich vor kurzem auch mit einer Freundin unterhalten, die ich noch aus der Schule kenne. Auch sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde, und in unserem Gespräch meinte sie: „Wir müssen in der Kirche auch wieder mehr auf den sehen, der lebt.“
Im ersten Moment habe ich gedacht, sie meint: „Wir müssen in der Kirche mehr auf den Menschen von heute sehen und eingehen: auf die Erwartungen und Bedürfnisse der Leute. Das stimmt, deshalb suchen viele Kirchengemeinden ja auch neue Wege hin zu den Menschen. Zum Beispiel auch mit zeitgemäßer Musik im Gottesdienst: In manchen Kirchen spielt dann eine Band: neuere Lieder oder auch mal was von Tailor Swift oder was sonst gerade aktuell ist. Meine Freundin und ich - als wir noch Kinder gewesen sind, da haben wir zusammen im Jugendchor Bach und Mendelssohn gesungen und natürlich die klassischen Kirchenlieder aus dem Gesangbuch.
Aber gerade, als ich meine Freundin an die alten Zeiten erinnern wollte, habe ich gemerkt, dass ich sie da falsch verstanden hatte: „Wieder auf den sehen, der lebt.“ Damit hatte sie nicht gemeint: auf den heutigen Menschen und seine Bedürfnisse sehen. Sondern sie hatte gemeint: Auf Jesus sehen. Auf den sehen, der lebt und den Tod überwunden hat. Und der als lebendige Mitte die Kirche und unsere christliche Gemeinschaft zusammenhält. Oder besser gesagt: Der sie zusammenhalten sollte. Und ich finde, da ist was dran.
Ich denke, manchmal kann man das von außen gar nicht mehr richtig erkennen: was das heißt, dass Christus die Mitte der Kirche ist. Und dass er die Motivation ist, wegen der die Kirche auch neue Wege sucht, um auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen. Wegen seinem Auftrag: seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst – anderen ihre Fehler vergeben und selbst um Vergebung bitten, wenn man etwas Falsches getan haben – da sein für die, die Hilfe brauchen – trösten, hoffen, auf Gott vertrauen.
„Wir müssen wieder mehr auf den sehen, der lebt.“ Hat meine Freundin in unserem Gespräch gemeint. Das klang für mich im ersten Moment wie eine Formulierung aus alten Zeiten. Aber irgendwie doch auch wieder modern: Von der Mitte aus fragen, was die Menschen heute von Kirche erwarten.
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