SWR Kultur Wort zum Tag

29JAN2026
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Die Geschichte von Adam und Eva kann mich immer noch überraschen. Eine neue Perspektive finde ich besonders spannend: Die des Evolutionsbiologen Carel van Schaik und des Historikers Kai Michel. In ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit“ lesen sie die Bibel als Erinnerungen alter Kulturen.

Laut den Forschern zeigt sich in der Geschichte von Adam und Eva, wie die Menschen als Nomaden gelebt haben. Sie sind mit den Jahreszeiten umhergezogen und haben sich von dem ernährt, was die Natur ihnen geboten hat. Die Erde, die Bäume und ihre Früchte waren allen zugänglich.

Doch die Zahl der Menschen hat immer mehr zugenommen und so hat sich alles geändert. Die Menschen haben begonnen, Felder anzulegen und Gärten zu bewirtschaften. Und wer viel Arbeit in einen Garten steckt, will die Früchte auch für sich behalten.

Hier kommen Adam und Eva ins Spiel: Stellen wir uns Eva als eine Nomadin vor, die auf einen solchen Garten trifft. Sie sieht die Früchte und will sich stärken. Doch plötzlich wird sie mit einem neuen Gebot konfrontiert: „Von diesem Baum darfst du nicht essen.“ Für eine Nomadin muss das absurd geklungen haben. Eva kümmert sich nicht um diese seltsame Regel und pflückt die Frucht.

Die Konsequenz in der Bibel kennen wir: Adam und Eva müssen den Garten verlassen. Ein Engel vertreibt sie aus dem Paradies.

Archäologisch übersetzt lautet die erste Lektion der neuen Zeit: Es gibt Privatbesitz. Adam und Eva stehen symbolisch für den Übergang vom „Alles gehört allen“ zum „Das ist meins“.

Hier wird es theologisch interessant. Denn in der Bibel ist es nicht ein Mensch, der den Garten besitzt, sondern Gott. Die Erde ist Gottes Eigentum. Wir Menschen sind nicht die Besitzer, sondern nur die Pächter.

Wenn die Erde aber nicht unser Besitz ist, können wir sie auch nicht unter wenigen aufteilen. Gott hat den „Garten“ erschaffen, damit alle gut darin leben können.

So verstehe ich diese alte Geschichte der Bibel. Sie fordert uns heraus, darüber nachzudenken: Wer hat heute eigentlich Zugang zu den Früchten der Erde – und wer wird durch Zäune und Regeln ausgeschlossen? Mich inspirieren Adam und Eva dazu, wieder mehr wie die frühen Nomaden zu denken: Lasst uns die Erde als einen gemeinsamen Garten nutzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43733
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