SWR Kultur Wort zum Tag
Sind die reichsten Menschen der Welt glücklich? Fühlen sie sich sicher und können ihren Reichtum genießen? Nein, sagt der amerikanische Autor Douglas Rushkoff. Er hat einige getroffen und interviewt, und er war erstaunt. Rushkoff sagt: „Merkwürdigerweise fühlen sie sich machtlos, obwohl sie zu den mächtigsten Menschen gehören, die ich je getroffen habe.“ In seinem Buch „Survival of the Richest“ beschreibt er, dass reiche Menschen nach außen hin frei wirken, denn sie reisen im Privatjet und können sich alles leisten. Doch die Sorge vor Chaos und Katastrophen treibt bei ihnen seltsame Blüten. Manche kaufen sich Inseln und errichten riesige Bunkeranlagen. Sie horten Gold und Edelsteine. Aber sind sie glücklicher? Offenbar nicht. Sie fragen sich den ganzen Tag, wem sie eigentlich vertrauen können.
Vielleicht liegt das daran, dass wir Menschen etwas anderes benötigen. Wir sind darauf angelegt, in Beziehungen zu leben. Das Fachwort dafür lautet Reziprozität – Wechselseitigkeit. Es bedeutet: Ich gebe, und ich nehme. Jeder braucht den anderen, und das macht uns zufrieden.
Die Archäologie kann das bestätigen: Unsere Vorfahren wussten genau, dass niemand allein überleben kann. Selbst der beste Jäger konnte sich verletzen und war darauf angewiesen, dass ihn andere pflegen. Ohne die Gruppe hätte niemand den nächsten harten Winter überstanden. Privatbesitz hat kaum eine Rolle gespielt; man hat geteilt, hat Beziehungen aufgebaut und einander unterstützt – nicht nur aus Nächstenliebe, sondern um zu überleben. Die Formel war simpel: Nur wenn wir zusammenhalten, leben wir gut. Das hat uns über Jahrtausende geprägt.
Diese einfache Erkenntnis vermisse ich in unserer heutigen Gesellschaft. Das Credo lautet eher: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Jeder schließt seine eigene Versicherung ab, jeder soll privat für die Rente sparen. Aber worauf verlasse ich mich dann am Ende wirklich? Die Superreichen besitzen viele Milliarden, doch vertrauen nicht einmal ihren eigenen Leibwächtern.
Wahre Sicherheit – und auch Lebensfreude – entsteht durch das Gefühl der Verbundenheit. Wenn ich weiß: Da sind Menschen, die es gut mit mir meinen, und mit denen ich es gut meine. In meinem Dorf, meiner Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft. Wo bin ich bereit, zu helfen und Hilfe anzunehmen? Keiner lebt für sich allein – nur gemeinsam gelingt gutes Leben.
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